Aus Michael Lippoldts Atelier klingt ein Tschaikowsky-Konzert, auf dem Flur stehen die Bilder seiner jüngsten Ausstellung: Porträts von Boxstars. Lippoldt ist einer von 120 Künstlern im Frappant-Komplex, die per Zwischennutzung ein künstlerisches Zuhause in der Großen Bergstraße gefunden haben. Für 3,40 Euro pro Quadratmeter, dafür ohne Heizung und fließend Wasser. Auf den Etagen gehen Architekten, Stadtplaner und Fotografen ihrer Arbeit nach, es werden Partys und Ausstellungen organisiert. „Das alles sieht man von außen nicht“, bedauert Lippoldt. Ins Innere des Frappant gelangt man von der Hinterseite des Gebäudes über die ehemalige Parkrampe. Das muss man erst mal wissen. Aber womöglich ist es mit dem Frappant, für die einen ein kreativer Raum und für die anderen eine Betonruine, ohnehin bald vorbei. Im August wurde offiziell bekannt, dass Ikea das Gebäude gekauft hat. Der schwedische Möbelhausriese will in Altona ein neues Modell für Europa erproben: weg von den Ausfallstraßen, rein in die Innenstädte. Der eingereichte Bauvorantrag sieht eine Filiale mit denselben Ausmaßen vor wie die Ikea-Märkte in Moorfleet und Schnelsen, geplante Eröffnung: 2012. Bis Dezember kann der Konzern noch vom Kaufvertrag zurücktreten.


Die Pläne haben in Altona heftige Diskussionen ausgelöst. Etwa 2500 Menschen leben im Sanierungsgebiet rund um die Große Bergstraße. Die Bezirksverwaltung wäre froh, das Sorgenkind Frappant endlich los zu sein. Die Einzelhändler sehen in der Ikea-Filiale die letzte Hoffnung für eine Wiederbelebung der Großen Bergstraße. Die Künstler im Frappant kämpfen um bezahlbaren Raum für Kreativität. Und viele Anwohner zeigen sich nicht wirklich glücklich, sind aber froh, dass überhaupt etwas passiert. So wie Bettina Geiger: „In zehn Jahren hat keiner was zustande gebracht, nun nehmen wir halt Ikea.“ Aber es gibt auch Gegner. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Baupläne haben sie das Bürgerbegehren „Kein Ikea in Altona“ gestartet. Sie befürchten einen Anstieg der Mietpreise, vor allem aber einen Verkehrskollaps rund um die Große Bergstraße. Ikea selbst rechnet mit 4000 bis 6000 Autos täglich. Bezirksamtsleiter Jürgen Warmke-Rose bestätigt, dass das Verkehrskonzept die Anpassung von Kreuzungen und möglicherweise den Bau von Zufahrtsstraßen vorsieht – und dieses Konzept geht von den Ikea-Schätzungen aus, dass 40 Prozent der Besucher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen. „Wer bitte steigt mit seinem ,Billy‘ in den Bus?“, fragt Anna Berschmidt von „Kein Ikea in Altona“. In einem Monat hat die Initiative 2500 Stimmen gegen Ikea gesammelt und damit den Bearbeitungsstopp des Bauvorantrags erreicht. Als Reaktion darauf soll Ikea mit dem Vorbesitzer des Grundstücks schon über eine Verlängerung des Rücktrittsrechts diskutieren. Jetzt wollen die Ikea-Gegner 6000 Unterschriften für einen Bürgerbescheid zusammenbekommen.

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Doch auch die Gegner haben Gegner: Das vom Einzelhandelsverband Altona gegründete Bürgerbegehren „Pro Ikea Altona“ hat laut eigenen Angaben bereits 5000 Unterschriften gesammelt – für den geplanten Möbelmarkt. Der Vorsitzende Klaus-Peter Sydow, Besitzer eines Reisebüros, will das Verkehrsargument nicht gelten lassen. „Die Infrastruktur ist auf eine Einkaufsstraße ausgerichtet. Zu Aldi und Karstadt sind die Leute damals auch mit dem Auto gefahren.“ Die Ikea-Filiale sieht er als Hoffnung für die Große Bergstraße: „In Ottensen und St. Pauli pulsiert es, und wir haben die große Öde. Nach der Schließung von Karstadt hat hier ein Händler nach dem anderen dicht gemacht. Von den Verbliebenen wollen viele von Ikea abhängig machen, ob sie hier- bleiben oder nicht.“ Bei der öffentlichen Anhörung im September reagierten die Gegner mit Pfiffen und Buhrufen auf Ikeas Versuch, mit einer „Was ist Ikea?“- Werbepräsentation Sympathien zu wecken. Seitdem bemüht man sich um Appeasement. „Wir werden nicht gegen den Willen der Anwohner bauen“, sagt Simone Settergren, Sprecherin von Ikea. Man sei aber gesprächsbereit. „Wir haben uns mit den Einzelhändlern und den Künstlern getroffen, arbeiten mit dem Verein ,Lebendiges Altona‘ zusammen.“ Der Verein sieht das anders.“ Unsere Vorschläge zur Verkehrskonzeption wurden im Bauvorantrag ignoriert. Einen Dialog stellen wir uns anders vor“, empört sich Erich Fülling von „Lebendiges Altona“. Vorfälle wie dieser haben die ablehnende Haltung der Gegner verschärft.


Aber eine greifbare Alternative für das Frappant- Gebäude und die Große Bergstraße fehlt. Fotografin Gianna Schade schlägt ein künstlerisch- soziales Konzept vor: „Von den 37000 Quadratmetern nutzen wir nur 40 Prozent. Man könnte die Bücherhallen hier integrieren, die Schulen wollen eine Skaterbahn aufbauen.“ Ingrid Breckner, Stadt- und Regionalsoziologin an der TU Harburg, sieht solche Vorschläge skeptisch: „Die Kunstaktivitäten bringen nette Ereignisse ins Quartier, aber doch nicht das, was sich Bewohner und Gewerbetreibende am dringendsten wünschen: bezahlbaren Wohnraum und Kunden, die das vorhandene Qualitätsangebot nutzen und zu dessen Erweiterung beitragen.“ Aber auch ein Ikea-Markt würde ihrer Ansicht nach weder Anwohnern noch den Einzelhändlern helfen. Nur: Sollte Ikea abspringen, so die Befürchtungen, dürfte sich so schnell kein Investor mehr finden. Spricht man mit Gegnern und Befürwortern, geht es um nichts weniger als den Untergang der Großen Bergstraße. Das Gebäude selbst wird derweil von Künstlern und Anwohnern pragmatisch genutzt. „Im Sommer stellen die Leute auf dem Dach ihre Planschbecken auf und grillen“, erzählt Schade. Mit dieser Brachenidylle dürfte nun Schluss sein. Hanna Klimpe