Schanzenviertel, am Abend des 4. Juli 2009: Mehrere hundert Anwohner und Besucher des Schanzenfests haben sich in der Bartelsstraße versammelt, um den 1800 eingesetzten Polizisten und ihren militanten Gegnern aus dem Weg zu gehen, die sich in den angrenzenden Straßen gegenseitig mit Wasserwerfern, Bierflaschen und Molotowcocktails bombardieren. Reggaemusik tönt aus provisorisch aufgestellten Boxen, rechts und links der Straße sitzen Menschen in T-Shirts oder Tops und trinken Bier, der Eisladen an der Ecke hat noch geöffnet, weil sich der Sommertag nur kaum merklich abkühlt. Es ist 22.30 Uhr, als die Staatsmacht mit einer knappen Lautsprecherdurchsage urplötzlich die Stimmung kippen lässt: „Entfernen Sie sich umgehend von der Straße!“

Hektisch strömen die Menschen auseinander, ein Mädchen fällt hin, ein anderes wird beim überhasteten Aufsteigen von ihrem Fahrrad gestoßen, circa 30 gepanzerte Polizisten stürmen durch die Straße, allen voran ein mit einer Kamera bewaffneter Beamter, und rempeln sich eine Schneise quer durch die Menschenmassen. Am nächsten Tag berichten dann die Medien unisono: „Chaoten zünden Schanze an“ (im Politmagazin „Bild“) und „Hamburg im Griff autonomer Gewalttäter“ („Welt“). Trauriger Höhepunkt ist die Berichterstattung im „Hamburger Abendblatt“, die sich liest, als habe ein Polizeibeamter zum Diktat gerufen: „Rund 1000 Randalierer (oder Gewaltbereite) zogen durch das Szeneviertel“, alles „endete in einer Gewaltorgie“. In einem Halbsatz erwähnt die Zeitung Kritiker, die bemängelt haben, das frühe Einschreiten der Polizei habe Gewalt provoziert. Richtiger wäre vielleicht: nur das Einschreiten der Polizei.
Jannes Vahl