Die Jukebox ist gar nicht mal besonders laut, aber die Stimmung könnte kaum besser sein. Als Klaus seine flächendeckend tätowierten Arme um Charlotte legt und inbrünstig den Text von – ausgerechnet – „Hamburg, meine Perle“ mitsingt, johlen die Umstehenden begeistert. Es ist Sonntagabend, und in der Holstenschwemme, einen Steinwurf südlich der Reeperbahn, haben sich eine Hand voll Stammgäste um den Tresen geschart. Die Eckkneipe hat wahrhaft treue Freunde. Hans beispielsweise, der listig unter seiner WM-2006-Schirmmütze hervorblinzelt, kommt extra aus Elmshorn. 20 Jahre hat er hier in der Nachbarschaft gelebt, dann wurde seine Wohnung zu teuer. Nun hat der frühere Steuermann, der sein Alter mit „65 plus“ angibt, noch ein Zimmer in St. Pauli, um wenigstens am Wochenende hier sein zu können. „Ich will abends in der Kneipe ein paar Bier trinken“, erklärt er und wird plötzlich ernst. „Was sich heute übrigens nicht mehr jeder leisten kann.“

St. Pauli wandelt sich rasant vom Armeleuteviertel zum Besserverdienerstadtteil. Die alteingesessenen Bewohner bekommen das täglich zu spüren. Dass es die Holstenschwemme überhaupt noch gibt, ist ein kleines Wunder. Im vergangenen Jahr hatte die Kneipe schon dicht gemacht: Das ganze Haus wurde abgerissen. Doch kurz darauf öffnete sie 30 Meter weiter wieder neu. Ein Vermieter hatte tatsächlich noch ein Lokal zu „altmodischen“ Konditionen zur Verfügung gestellt. Etwas anderes hätte sie gar nicht bezahlen können, erzählt Rosi Samac, die Wirtin der Eckkneipe. Bei ihr kostet die Knolle Holsten noch immer 1,50 Euro – und das soll ganz bewusst so bleiben. Das Einrichten der Pinte haben die Handwerker unter den Stammgästen in Eigenarbeit übernommen, inklusive dem Wandschmuck aus Seemannsknoten. Rosi musste nur die Materialkosten tragen. „Die Gemeinschaft, das ist doch das, was St. Pauli ausmacht“, sagt sie eindringlich. „Und die geht kaputt durch die Yuppisierung.“

Schon vor 20 Jahren gärte unter den Kiezbewohnern der Unmut über immer deftigere Mieten. „Wer auf sich hält, der wird demnächst eine Wohnung auf St. Pauli vorzuweisen haben. Im Wohnbereich wurde und wird tatkräftig saniert und mit gehobenen Preisen weitervermietet“, berichtete der PRINZ-Vorgänger „Tango“ im März 89. Und die „Mopo“ konstatierte: „Die Häuserpreise steigen von einer Stunde zur anderen.“ Während der Achtziger hatte sich das Gebiet hinterm Millerntor allmählich gemausert – vom ärmlichen Wohnquartier, in das Besucher höchstens wegen der Spielhallen und dem Sexgewerbe kamen, zum Ausgeh- und Amüsierviertel. Niedrige Mieten, tolerante Bewohner und die kulturelle Vielfalt des Hafenviertels hatten auch Studenten, Musiker und andere Freischaffende angelockt. Und die brachten die Clubs und Kneipen mit, die aus der Reeperbahn wieder die „geile Meile“ machten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum eine Prise Rotlichtviertel, Hafenromantik und Ghettochic nicht nur Partywütige, sondern vor allem Investoren magisch anzieht und welcher Club Hamburgs 1991 zum internationalen Vorzeigeladen wurde.Jörg Immendorfs Bar La Paloma zog seit ihrer Eröffnung 1984 nicht nur die Künstlerszene an, sondern auch die Schickeria. Anfangs dürfte es das Flair von Verruchtheit und Glamour gewesen sein, das den Leuten gefiel: eine Prise Rotlichtviertel, ein Hauch Hafenromantik und ein Spritzer Ghettochic mischten sich gut mit den großen Namen, die die Bar beehrten oder deren Werke dort hingen – Julian Schnabel, Georg Baselitz und Joseph Beuys etwa. Ein paar Jahre später war es das Nachtleben ganzer Straßenzüge, das die Menschen ins Viertel lockte. Und die Investoren. St. Paulis Immobilien wechselten den Eigentümer gleich reihenweise. Häuser, für die sich jahrzehntelang niemand interessiert hatte, wurden zur umschwärmten Handelsware. Und das, obwohl mit den bunt bemalten Häusern der Hafenstraße ein bundesweites Symbol gegen Immobilienspekulation mitten im Stadtteil stand.

„Am Beutezug der Investoren war die Politik nicht ganz unschuldig“, erklärt Steffen Jörg vom Stadtteilverein GWA St. Pauli. „Um 1990 herum hat sie städtische Grundstücke großzügig auf den Markt geworfen. Damit folgte sie der Idee vom ,Unternehmen Hamburg‘, die die Stadt als großen Wirtschaftsbetrieb betrachtet. Die innenstadtnahen Quartiere sollten für Kreative attraktiv gemacht werden. Und dazu gehört auch ein lebendiges Nachtleben.“ Tatsächlich entwickelte die Musik- und Kneipenszene sich einzigartig. Meist wenige Minuten Fußweg voneinander entfernt, entstand eine Vielzahl von Clubs und Bars, die verschiedene Subkulturen bedienten und miteinander in Verbindung brachten. „Während sich heute alle hier und da ihre Nischen suchen, waren damals alle in der Bernhard-Nocht-Straße oder dem Hamburger Berg“, erinnert sich Frank Spilker, Sänger der Band Die Sterne. „Ob Soul, Gitarre oder HipHop: Der Kiez war ein riesiger Kulturspielplatz und Kommunikationsbasar – bevor die kamen, die das irgendwie chic fanden und einen Rummelplatz daraus machten. Auf diesem Spielplatz sind, behaupte ich jetzt mal frech, 80 Prozent der Ideen entstanden, die die Musik der neunziger Jahre ausgemacht haben.“

Einige Clubs hatten sogar internationale Bedeutung. 1991 beispielsweise zog der Mojo Club an die Reeperbahn, wo er bald zu Hamburgs internationalem Vorzeigeladen wurde – was ein bisschen an seinem weltstädtischen Ambiente gelegen haben mag und ein wenig am Marketingkonzept, das unter anderem zwei Mojo-Klamottenläden hervorbrachte. Vor allem jedoch dürfte es das musikalische Programm gewesen sein, das auf Dancefloor-Jazz und Acid-Jazz setzte, aber auch so unterschiedliche Künstler wie Massive Attack, Goldie und Moloko live spielen ließ.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: In welcher Kellerspelunke Bands wie Mando Diao und The White Stripes rockten, bevor sie ganz groß wurden und was in Zukunft aus St.Pauli werden wird.Ein Jahr zuvor hatte das Molotow eröffnet, am damals noch von Sexshops dominierten Spielbudenplatz. Bis heute bewegen sich die Abende dort meist in den Gefilden von Punk, Indie und allen Musikrichtungen, deren Name mit Post beginnt. Nur eine kleine Kellerspelunke, in die gerade 300 Leute passen, schaffte der Laden es immer wieder, große Konzerte auf die Beine zu stellen – und kleine Bands auf die Bühne zu bringen, die später groß werden sollten. The White Stripes, zum Beispiel, oder Mando Diao, Bright Eyes und The Hives.

Geschichte schrieben auch zwei ranzige Kaschemmen: Heinz Karmers Tanzcafé und Golden Pudel Club. Das Karmers war eine vom Schimmel halb zerfressene, wacklige Baracke, in der Bands wie Tocotronic auf Bierkisten stehend spielten und die Kneipenabende gelegentlich in schreienden Partys endeten. Ganz ähnlich das Pudels, das zugleich noch immer Treffpunkt für Spinner und Künstler aller Art ist – und Brutstätte genialer Projekte.

Im neu entstehenden St. Pauli scheint kein Platz zu sein für solche Läden. Ob sich die Umwälzung des Viertels aber weiter so vollzieht wie bislang, ist noch völlig offen. „Das ist alles andere als ausgemacht, Junge“, sagt auch Rosi von der Holstenschwemme, und ihr Blick wird kämpferisch. „Noch sind wir hier.“
Sven Barske