DIY – diese drei Buchstaben prägen die Lebensläufe von Adriano Trolio und Mladen Solomun. Sie stehen für „Do It Yourself“, und die beiden Mitmacher dieser Punk-Bewegung haben sechs Jahre lang wirklich alles an ihrer Musik und ihren Partys selbst gemacht: Locationsuche (Echochamber, Mandarin Kasino, Kulturhaus 73, Uebel&Gefährlich oder der Kulturverein Ro.diy e.V. in der Schanze – legendär die 500 Gäste 2006 zum Einjährigen des Hinterhof- Clubs, der nur auf 200 Gäste ausgelegt war), Booking, Marketing, Presse und Vertrieb. Jetzt sind es drei andere Buchstaben, die aber noch eng mit den vorherigen verknüpft sind: Ego, der Name ihres Clubs in der Talstraße 9, den sie eigentlich namenlos lassen wollten (wie man vielleicht noch an der etwas glanzlosen Fassade erahnen kann), sich dann wochenlang die Köpfe zerbrochen haben und doch einigen konnten: „Der Club heißt Ego“ – die Mail kam am 11. August. „Im Nachtleben geht es nun mal um viele Egos, damit meinen wir einfach interessante Persönlichkeiten“, erklärt Trolio.

Eröffnung war am 12. September, seitdem reihen sich die Electro-Liebhaber und -Kenner freitags und samstags zu geheimen DJ-Sets von Superstars, Releasepartys von Boys Noize und Solomun mit Sascha Funke im Oktober, „D.A.R.E.“ oder jüngst Loco Dice in die Schlangen vor dem schwarzen Samtvorhang – allesamt Lieblingspartys der Betreiber, die im zweiten Stock weiterhin ihr Label Diynamic Music betreiben und sich nun die Straße mit ihren neuen Nachbarn teilen: der 3-Zimmerwohnung Gatzenberg (Nr. 22), der Makrele (Nr. 29), der Raucherkneipe Utspann (Nr. 25), dem Deniz-Imbiss (Nr. 27), der Heilsarmee, die seit mittlerweile 85 Jahren hier residiert, und ihrem kultigen Schriftzug „Jesus lebt“, der Wohnung des SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Andy Grote und den vielen Gay-Kinos und -Bars – zum Beispiel der Transgenderbar Freedom (Nr. 9), allen voran aber der Wunderbar (Nr. 14) von Theatermacher Corny Littmann. „Wir fühlen uns hier sehr wohl“, sagt Mladen Solomun, „die Talstraße ist St. Pauli in Klein.“

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Einige Schwierigkeiten mit diesem Dorf im Dorf hat allerdings das King Calavera. Eine Nachbarin fühlt sich gestört – die Situation kennen Claudia und David Gritl, Don Klo und Donna NuhNuh nur zu gut von ihrer alten Bleibe: Ihre Rockabilly-Gäste amüsierten sich schon am Hans-Albers-Platz so königlich, dass es einem Anwohner zu viel wurde – er rief die Polizei. Und zwar wieder und wieder. Das fanden sogar die Polizeibeamten sehr nervig, die regelmäßig zum Club zitiert wurden, um dann den Angestellten dabei zuzusehen, wie sie die Lautstärke runterdrehten. Es dauerte nicht mehr lange, bis der Nachbar vom Hans- Albers-Platz die Betreiber nach vier Jahren zum 30. September aus ihrem Laden geekelt hatte. Das gleiche Spielchen läuft leider nun auch in der Talstraße 20 ab. Wieder gibt es eine Nachbarin, die sich vom Rock’n’Roll gestört fühlt. Sie läuft durch die wiederbelebte Straße und sammelt Unterschriften (bislang im unteren zweistelligen Bereich) gegen die „Verrohung von St. Paulis letztem Rückzugsgebiet für junge Familien“. Geschätzte Anzahl junger Familien in der Talstraße: null. Müsste man doch seinen Kindern auch permanent Augen und Ohren zuhalten, wenn Männer ungeniert an Bäume pinkeln oder Transen anschaffen gehen.

Ob die Anwohnerin eine notorische Quenglerin ist oder sich wirklich in ihrem Feierabend gestört fühlt, ist juristisch gar nicht mal von Belang. Ruhestörung ist Ruhestörung. Da hilft es auch nicht, dass die (in dieser Nacht schon zum zweiten Mal) angerückte Polizeikommissarin sich im Sinne der Clubbetreiber äußert: „Wer empfindlich auf nächtliche Lautstärke reagiert, sollte es tunlichst vermeiden, in eine Seitenstraße der Reeperbahn zu ziehen.“ Schade, dass gesunder Menschenverstand allein keine bindende juristische Größe darstellt. Zumal auch Nachbar Sebastian Jung, 28, der mit seiner WG schräg über dem Calavera wohnt, einräumt: „Natürlich mag ich St. Pauli und weiß, worauf ich mich hier einlasse, aber den Laden hört man nun wirklich nicht.“ Sascha Gotza, 40, Inhaber der benachbarten 6,2-Quadratmeter- Gastronomie „Pauli Pizza“ (Nr. 22) hat der Nachbarin sogar schon eine (größere und günstigere) Wohnung zum Hinterhof raus angeboten. Nichts zu machen. Zum Abschluss aber noch eine gute Nachricht: Der Ortswechsel hat dem Clubkonzept richtig gutgetan und mehr Platz gebracht: In der Talstraße 20 gibt es direkt am Eingang eine erste Bar mit runtergeregelter Musik (ein Zugeständnis an die neuen Nachbarn), dahinter eine Tanzfläche und eine zweite Bar, unten eine weitere Tanzfläche und einen Kicker. Hoffen wir doch noch auf eine gute Nachbarschaft.

Jannes Vahl, Redaktionsleiter und Nachtleben-Ressortleiter, war vor dem 12. September sehr selten in der Talstraße – und wenn, dann bei Deniz, einer seiner nächtlichen Lieblingsdönerbuden.