Ich versuche zu verstehen und gehe ins Hamburger Verbrauchermuseum, ins Museum für Kunst und Gewerbe (MKG). Die zeigen dort nämlich noch bis kommenden Sonntag das FENOMEN IKEA, und rollen die Geschichte des schwedischen Möbelhauses auf.

Als wollten die Ausstellungsmacher die Baustellensituation des Museums noch unterstreichen, stehen auf allen Treppenstufen die Namenspatronen der Schau, die Blockkerzen FENOMEN, regelrechte Blockbuster des Weltkonzerns. Leicht irritiert ob der musealen Nachahmung der kommerziellen Nimmst-Du-noch-schnell-mit-Strategie steige ich trotzdem hoch in den IKEA-Tempel. Zunächst vorbei an den wahrlich zeitlosen, modernen Möbel-Klassikern des Deutschen Werkbunds oder des Bauhauses. Dann fühlt sich alles ein bisschen so an, als blättere man im Familienfotoalbum rum. Die Möbel, Billy und die anderen Typen, sind einem doch sehr vertraut. Lediglich bei zwei Exponaten bin ich überrascht: der Dreibeinstuhl GRILL aus dem Jahr 1958 ist wirklich formschön und auch die ineinander verschiebbaren, dünnbeinigen, hölzernen Beistelltischchen – die hatte doch mein Vater in seiner Junggesellenbude! Der lebte Anfang der 1960er Jahre in Stockholm. Aus dieser Zeit stammen sie wohl, denn die Expansion des unmöglichen Möbelhauses außerhalb Schwedens begann erst 1975.

Um tatsächlich so was wie neue Erkenntnisse zu gewinnen, empfiehlt es sich, den kurzen Einführungsfilm zu konsumieren. Der ist schön getextet vom Kurator Nils Jockel: „Kann klasse sein, was mit Masse Kasse macht?“ und man kann ein bisschen Designgeschichte atmen. Zum Beispiel, dass Bakelit der erste industriell gefertigte Kunststoff war und bis zur Ölkrise 1973 „Plastic Fantastic“ einen wahren Einrichtungsrausch in deutschen Wohnungen auslöste. Wahrlich komisch im nächsten abgehängten Raum: die Werbespots von Ikea, die im schwedischen Fernsehen gelaufen sind.

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Richtig zu Hause bin ich dann aber erst im separaten Bereich „Non-Ikea“. Hier sind 25 Design- und Kunstobjekte von internationalen Künstlern und Designern wie Tobias Rehberger oder Thomas Schütte gestaltet. Modell „Billy Wilder“ ist mein zarter Favorit. Fazit der Möbelexkursion: Nur allzu wörtlich hat das Museum für Kunst und Gewerbe den gewerblichen Teil der eigenen Verpflichtung genommen.

Konsumierst Du noch oder denkst Du schon? Eine deutlich größere intellektuelle Herausforderung ist es jedoch, sich den archaisch-melancholischen Installationen, den Skulpturen und der Malerei Pedro Cabrita Reis` in der Galerie der Gegenwart zu widmen. Auch dieser wichtige portugiesische Gegenwartskünstler, der bereits 1992 auf der documenta und im Jahr 2003 auf der Biennale in Venedig zu sehen war, widmet sich unter anderem den Themen Haus, Behausung. Wo Fenster in den Installationen auftauchen, sind sie grundsätzlich vernagelt, übermalt, undurchsichtig. Türen zu seinen Gehäusen sind unzugänglich. Und Treppen führen ins Nichts. Seine Cidades Cegas, blinden Städte, eine Werkgruppe, verweist explizit auf die Unbehaustheit als Grundkonstante des modernen Menschen. Unbehaustheit – da fällt mir ein: Die Frappant-Künstler in Altona sind obdachlos… Angela Holzhauer

Museum für Kunst und Gewerbe (MKG): Fenomen Ikea. Steintorplatz, noch bis 28. Februar www.mkg-hamburg.de.

Kunsthalle, Galerie der Gegenwart: Pedro Cabrita Reis. One after another, a few silent steps. Nur noch bis 28. Februar! www.hamburger-kunsthalle.de. Achtung: Das anlässlich der Pedro Cabrita Reis-Ausstellung vorgesehene Fado-Konzert am Donnerstag, den 25. Februar, 18:30 Uhr fällt aus!