Kaum ist diese Retro-Schau der Deichtorhallen abgebaut, starten schon die nächsten Big Bangs im Hamburger Kunstwinter – und fordern geradezu auf, über Käuflichkeit und Kitsch oder eben Unverkäuflichkeit von Kunst nachzudenken. Die Kunsthalle eröffnet POP Life. Warhol, Haring, Koons… und die Sammlung Falckenberg Weisser Schimmel/You can observe a lot by watching. Gegensätzlicher können Ausstellungen gar nicht sein. Wir nehmen Sie hier mit, zu einem Eröffnungssprint.

Donnerstagabend. Im Eingang der Galerie der Gegenwart wummern Bässe aus Lautsprechern, Pop-Musik der 1980er Jahre. Links vom Eingang ein Getränkestand, daneben Bücher und um die Ecke der Museumsshop – jetzt bestückt mit allem, was ein Pop Art-Fan so an Requisiten für Zuhause braucht: Tassen mit Warhol-Porträts, T-Shirts mit Haring-Strichmännchen und kleine Plastikhasen im Design von Jeff Koons. Schließlich ist bald Ostern. Und Shop till you drop das Motto der Pop Art, dem sich die Vernissagegäste willig hingeben. Danach vom Kauf befriedet in den ersten Stock.

Hier trifft man gleich auf den Vater der Kunstvermarktung schlechthin, auf Andy Warhol. Diese Arbeiten sind uns so vertraut wie das eigene Wohnzimmer. Absolut zu Recht ist rund ein Viertel der Show Warhol gewidmet. Wir sehen sein Spätwerk, Kunst der 1970, 1980er Jahre, wo der Meister frühe Arbeiten neu auflegt und sie „Reversals“ (Umkehrungen) nennt. Vielleicht noch spannender, auf alle Fälle komplexer: der deutsche Warhol Martin Kippenberger. Dieser gab Jeff Koons 1990 den Auftrag für ein Poster-Porträt, auf dem zu lesen steht: „Martin Kippenberger ist groß, toll, großartig, alles“. Die auf die Spitze getriebene Selbstvermarktung! Dabei Kommerz-Ironie und Selbstdistanz, was Kollege Koons gänzlich fehlt. Sie sind trotzdem neugierig auf Werke Koons? Dann hopp, hoch in den zweiten Stock!

Dort Separees, zu betreten erst über 18. Denn hier hängt die Made in Heaven-Fotoserie von 1989. Sie zeigt den Kunst-Clown Koons bei sexuellen Praktiken mit Cicciolina, dem italienischen Pornostar. Einige Räume weiter. Auch Andrea Fraser gibt vollen Körpereinsatz für die Kunst. Ein Video zeigt sie beim Sex mit einem Sammler. Der zahlte für die Performance. Das Schlagwort vom potenten Sammler erhält hier eine standfeste Konnotation.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.

Ist dieses Zeitalter des geschmacklosen Ausverkaufs von Werten heute nach der Wirtschaftskrise vorbei? „Lehre und Lernen ersetzt den Konsum“, prognostiziert jedenfalls Klaus Biesenbach, neuer Direktor der New Yorker Kunsthalle P.S.1 und „unser“ Mann in den USA. Für ihn bemisst sich der Wert eines Künstlers eben nicht daran, wie viel Geld er verdient. Ein Künstler muss etwas zu sagen haben. So sieht das gewiss auch Harald Falckenberg, Hamburgs wichtigster Kunstmogul.

Freitagabend. Mit Künstlerfreunden und Gruppenticket also auf nach Harburg. Falckenberg-Eröffnungen sind immer ein tolles Treffen der Szene und gleichzeitig ein gnadenloses Besäufnis bis zur letzten Flasche Wein. Die Show Weisser Schimmel/You can observe a lot by watching hat Falckenberg von Nicola Torke und Christoph Grau kuratieren lassen. Denn eine Arbeit von Torke legte 1994 den Grundstock der Sammlung. Und auch Grau – ein Weggefährte der ersten Stunde. Aufgabe war, aktuelle Arbeiten vor allem aus Hamburg mit den Klassikern der Sammlung in Bezug zu bringen – und das genaue Hinsehen zu trainieren. Für einen klitzekleinen Vorgeschmack greife ich hier ebenso beliebig wie die Kuratoren zwei Arbeiten aus der üppigen Show heraus: Die des Kunst-Berserkers Burkan Burwitz. Seine kleine Porzellan-„Kugel der Verwirrung“ im Zwischengang von Stockwerk G 3 zu übersehen wäre schade. Oder Till Krauses Reisetafeln an der Seitenwand G 3. Künstler Krause geht den Dingen hier wortwörtlich nach. Seine rund 100 Reisetafeln – Schilder von Wegstrecken wie „Moers nach Neukirchen“ – kann man entweder einfach so erwerben oder aber zusammen mit dem Künstler erwandern, eben von Moers nach Neukirchen. Ein deutlich intellektuellerer Kommunikationsansatz mit einem Käufer als der von Fraser. Angela Holzhauer

Kunsthalle, Galerie der Gegenwar: POP Life. Warhol, Haring, Koons… noch bis 9. Mai www.hamburger-kunsthalle.de

Sammlung Falckenberg, Phoenixhallen Harburg, Wilsdorfer Strasse 71: Weisser Schimmel/You can observe a lot by watching, Ausgewählte Werke zeitgenössischer Kunst im Kontext der Sammlung Falckenberg. Bis 11. April www.sammlung-falckenberg.de

Was sonst noch sehenswert in dieser Woche ist:
Freitag, 19. Januar, 19 Uhr: Kunst- und Kulturverein Linda, Hein-Hoyer-Straße 13: Holz – Zeichnungen, Malerei, Fotografie. KünstlerInnen gegen das Kohlekraftwerk Moorburg. www.chezlinda.de

Nur noch bis 21. Februar im Gängeviertel, Speckstrasse 85: DA HOOD Vol.1.