Die Serie ist über viele Jahre in Amerika und Europa entstanden. Es sind Nachtaufnahmen menschenleerer Großstädte – Berlin, Boston, Paris. Schwarzweißbilder von Häuserecken, geschlossenen Ladenlokalen und Kinoeingängen mit Parkuhr davor. Alle Bilder haben eine seltsam intensive Ausstrahlung. Man fühlt die Stimmung der Situation und der Gegend gleichermaßen. Und obwohl, wie gesagt, keine Menschen darauf zu sehen sind, ahnt man sie. Sind sie gerade weggegangen, oder kommen sie gleich zurück?

Der Künstler liebt Samuel Beckett, den großen irischen Schriftsteller. Kein Wunder, dass seine nur mit Naturlicht beleuchteten Fotos wie Theaterbühnen für Beckett-Stücke wirken. Warten wir nicht sowieso alle vergeblich auf Godot? Wenn man dann noch weiß, dass der 1943 in Milwaukee, Wisconsin, geborene Jerry Berndt jahrelang nachts fotografieren musste, weil er tags Berufsverbot erhalten hatte – das FBI hatte ihn auf dem Kieker, weil Berndt die amerikanischen Studentenunruhen gegen den Vietnamkrieg dokumentiert hatte – dann spürt man zusätzlich noch den Ernst der Situation und zollt Respekt. Im Katalog „Insight“, der anlässlich der Einzelausstellung im Museum für Photographie in Braunschweig 2008 entstanden ist, schreibt Maik Schlüter vom „psychologischen Ausnahmezustand“ und einer ganz „spezifischen, symbolischen Stimmung der Nacht“. Also gehen Sie, von mir aus, ruhig in der Dämmerung in die Galerie an der Neuen Burg/Ecke Willy-Brandt-Str! Sie werden sehend!

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.

Nur rund 800 Meter Luftlinie weiter liegt die Galerie Robert Morat in der Kleinen Reichenstraße. Auch der aktuell ausstellender Fotograf Michael Lange schoss seine Serie „L.A. Drive By“ mehr oder weniger heimlich. Ihm ging es allerdings um einen ganz anderen psychischen Vorgang als Jerry Berndt. Michael Lange nahm von 1996-2001 immer wieder und in voller Absicht die falschen Abfahrten in die falschen Gegenden der kalifornischen Metropole Los Angeles. Der Fotograf wollte seiner eigenen Angst begegnen und darüber in seinen Bildern eine neue Bildsprache ansteuern. Well, ein großes Vorhaben mutig formuliert, großformatig und in großkörniger Auflösung schwarzweiß umgesetzt. Das Gefühl der Angst überträgt sich mir nicht. Die analogen Bildern sind dennoch schön, vor allem da, wo sie gänzlich zu Atmosphäre werden. Angela Holzhauer

White Trash Contemporary, Neue Burg 2: Jerry Berndt – Nite Works, noch bis 3. April 2010. www.whitetrashcontemporary.com Tipp: Bitten Sie den Galeristen Nils Grossien, das Theme Time Radio Bob Dylan „The Night“ anzuschalten. Die 28 Songs sind so wunderschön zu den Bildern!

Robert Morat/ Galerie, Kleine Reichenstraße 1: Michael Lange, L.A. Drive By, bis 30. April 2010. www.robertmorat.de

Weitere Fotoausstellungen, die wir empfehlen:

Museum für Kunst und Gewerbe (MKG): Nude Visions – 150 Jahre Körperbilder in der Fotografie. Steintorplatz, noch bis 25. April, www.mkg-hamburg.de

Galerie Hilaneh von Kories, Stresemannstr. 384a (im Hof): Jim Rakete: Vertraute Fremde. 12. März bis 6. Mai 2010. Eröffnung: 11. März, 19 Uhr. www.galeriehilanehvonkories.de