Da der Herbst mit seinen Stürmen schon um die Ecke schielt, hüpfen wir in dieser Kolumne zunächst in die Forsythe-Installation aus Luft und gehen dann rüber in die Mikiko Sato Gallery zu den wunderbaren Zeichnungen aus Wind, die der Japaner Rikuo Ueda dort zeigt.

Das White Bouncy Castle sieht aus wie das Prunkschloss in Neuschwanstein, mit zahlreichen Zinnen und Türmchen, nur deutlich weniger farbig, und steht strahlend weiß und Raum füllend in der großen Deichtorhalle. Fast 40 Meter lang und 11 Meter hoch ist diese „weiße Hüpfburg“, und hat es bereits als größte ihrer Art ins Guinness Buch der Rekorde geschafft. Schlossherr Forsythe hat sein Riesenobjekt 1997 gemeinsam mit Dana Caspersen und Joel Ryan (Sound) entwickelt. Es war bereits in London, Wien, Frankfurt und Montpellier Publikumsmagnet. In Hamburg steht es nun vier Wochen lang und begleitet das Internationale Sommer(Tanz-)festival auf Kampnagel.

Was hat eine Hüpfburg aus Plastik und Luft mit zeitgenössischer Kunst oder aber mit der Kunstform Tanz zu tun – und vor allem in einer renommierten Ausstellungshalle zu suchen? „Große aufgeblasene Kunst“ nennt es der Leiter des Sommerfestivals Matthias von Hartz und ist super froh, dass er nach zehn Jahren Bemühen endlich einen geeigneten Raum für die Installation des weltweit anerkannten Choreografen William Forsythe gefunden hat. Forsythe selbst – 1984-2004 Direktor des Balletts Frankfurt, seit 2005 Leiter der Forsythe Company – setzt sich wiederum seit 15 Jahren schon mit anderen Erscheinungsformen von Choreografie auseinander. In seinem Essay „Choreografische Objekte“ formuliert er die Frage, ob Choreografie losgelöst vom Körper des Tänzers einen autonomen Ausdruck entwickeln könnte. Kann also Choreografie selbst zum Objekt werden? Forsythe über die Hüpfburg: „Sobald man das Schloss betritt, hat der Tanz schon begonnen.“ Wer ins Schloss krabbelt, ist Tänzer und Choreograf zugleich. Besucher bleiben keine Betrachter, sondern werden selbst Teil der Installation. Der Hüpfspaß im Luftschloss also Kunst zum Mitmachen.

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Ging es Forsythe durch das fröhliche Workout in der Deichtorhalle vielleicht um eine Übertragung von etwas Theoretischen ins körperlich Fühlbare, geht es Rikuo Ueda in seiner Kunst um die Übertragung von etwas ganz und gar Unsichtbarem ins Sichtbare: den Wind. Denn Rikuo Ueda, der Künster aus Japan, liebt den Wind. Sein Leben lang beschäftigt er sich schon mit diesem Element und versucht den Wind in Zeichnungen sichtbar zu machen. Dazu benutzt er Zweige voller triefend reifer Beeren oder an Ästen und in offenen Fenstern befestigte Tuschepinsel, Stifte oder in Farbe getauchte Wattebälle und überlässt dem Wind den Rest. Manchmal baut er Baumhausgroße Apparaturen als Schnittstelle zwischen der Natur und der Kunst. Und der Mensch sieht dann ein herrlich unperfektes aber wunderschönes Ergebnis auf dem Papier. Das hat ganz viel mit japanischer Zen-Tradition zu tun und ist von ergreifend schöner, geheimnisvoller Poesie. Zusätzlich zu den abgeschlossenen Zeichnungen gibt es eine mobile Work in Progress Wind-Installation zu bestaunen, die die Galeristin Mikiko Sato jeden Tag zusammen mit ihrer Kollegin Carolyn Heinz aus der Nachbargalerie vor die Tür schiebt. Denn auch der Wind, der beim Hamburger Kunsthaus um die Ecke fegt, erzählt für Ueda Geschichten. Die Ausstellung WIND DRAWING ist verlängert bis zum 10. September und sehr, sehr sehenswert.
Angela Holzhauer

WILLIAM FORSYTHE, DANA CASPERSEN, JOEL RYAN: WHITE BOUNCY CASTLE. Installation in der Großen Deichtorhalle. Bis 12. September 2010. deichtorhallen.de

RIKUO UEDA: WIND DRAWING. Bis 10. September 2010. Mikiko Sato Gallery, Japanese Contemporary Art, Klosterwall 13. mikikosatogallery.com


Und hier noch ein Hinweis für eine schöne Ausstellung, Nähe Mönckebergstraße, also gut als kleine Pause beim Shoppen geeignet: NORDSCHAU III – Neue Blicke in die Kunstsammlung der HSH Nordbank. Montags bis freitags 10-18 Uhr im Konferenzzentrum der HSH Nordbank, Gerhart-Hauptmann-Platz 50, 1. OG. >> Zur Webseite Zeitgenössische Künstlerpositionen wie zum Beispiel Fotografien von Giovanni Castell, eine Klebebandwandinstallation von Nik Nowak oder ein saukomisches Video von Yukihiro Taguchi treffen auf Arbeiten der Sammlung aus den 1960er und 1980er Jahre. Überraschend „modern“ fand ich „Nights, Winters, Years“, einen Siebdruck hinten links von dem Schweden Öyvind Fahlström. Pain, sorrow, tears – alles dabei in dieser schönen, bunten Ausstellung.