Betritt man die komplett umgebaute und abgedunkelte Deichtorhalle im neuen Seiteneingang hat man zunächst das Gefühl, in eine Kathedrale zu schreiten: leises Stimmengewirr und Lichtreflexe von irgendwo her. Dann sortieren sich die Sinne, und man steht schon mittendrin in der Kunst – neben dem Leuchtobjekt von Franz West, dem Spiegellabyrinth von Jeppe Hein, dem an die Decke produzierten Video von Tony Oursler. Doch noch viel mehr locken geradeaus im hinteren Raum der zarte Singsang und die fröhlichen Bonbonfarben von Pipilotti Rist. Dieses Video der Schweizer Künstlerin I Want To See How You See or a Porträt of Cornelia Providoli gab der Show ihren Titel. Es ist die einzige Arbeit, die sich ausdrücklich für die Gefühle eines anderen Menschen interessiert. Die meisten anderen zeigen jeweils eigene Erkenntnisse und Körperzustände der Künstler oder Künstlerinnen.

Oder eben die der Sammlerin Julia Stoschek. Frei nach Marina Abramovics Video Art must be beautiful, artist must be beautiful aus dem Jahr 1975, dem Geburtsjahr der Sammlerin (!), ließe sich sagen: Collector must be beautiful. Ja, die Sammlerin ist schön. Und sie ist vor allem präsent: Auf Poster und Einladungskarten und im Porträt des Fotografen Thomas Ruff. Einer Paris Hilton nicht unähnlich vermarktet sich die reiche Erbin der Automobilzulieferer-Dynastie Brose aus Düsseldorf in Person. Und die Medien beißen an. Bei der Eröffnung zog mit der schlanken Schönheit ein Tross Kameras rum. Nach dem ersten Befremden kapiere ich: Sie tut es für die Sache. Sie wirbt hier für ihre Künstler. Das ehemalige Glamourgirl hat dem Porsche, Party, Promi-Leben abgeschworen und folgt der neuen Berufung.

Alles begann vor acht Jahren in Hamburg. Harald Falckenberg führte Julia Stoschek 2002 persönlich durch seine Sammlung in Harburg. Seitdem kauft die 34jährige, die von sich selbst sagt, sie sei ein klassisches MTV-Kid, leidenschaftlich vor allem Medien- und Videokunst, Installation und Fotografie – mit weltweit zunehmender Beachtung. Seit 2004 gehört sie dem Direktoren-Board der KW-Institute for Contemporary Art, Berlin, an. 2007 wurde sie als jüngstes, stimmberechtigtes Mitglied in die Ankaufskommission des New Yorker MoMA-Museum of Modern Art aufgenommen. Seit 2007 auch präsentiert sie ihre Sammlung in einer historischen Fabrik in Düsseldorf-Oberkassel.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.

Zurück zur Hamburger Ausstellung. Auch wenn wenig Raritäten dabei sind, können Besucher herrlich in 40 Jahren Videokunst schwelgen. Auffällig viele Arbeiten von Frauen sind darunter. Frühe aus den 1970er Jahren, die sich mit dem Thema Feminismus beschäftigen oder wilde, freche, junge der 2000er Jahre, die Aufmerksamkeit mit den Themen Sexualität und Körperlichkeit heischen. Meine Lieblinge sind Wanderlust in 3-D von Björk und die melancholisch-schöne 2-Kanal-Videoinstallation Destroy She Said von Monica Bonvicini. Hilflos und verzweifelt stützen sich Bonvicinis Filmdiven an Wänden ab, was die Ausstellungsarchitektur mit schräg-kippenden Stellwänden toll unterstreicht. Absolutes Highlight der Show ist für mich aber die Arbeit eines Mannes: des Briten Isaac Julian. Seine 3 Kanal-Videoinstallation True North ist sinnlich, poetisch und voller Überraschungen. Mit dem ganzen Leib fühlt man in dem separaten Raum die auf der ersten Nordpolexpedition basierende Geschichte um Erschöpfung und Rassismus mit. Ganz großes Kunstkino!
Angela Holzhauer

JULIA STOSCHEK COLLECTION: I WANT TO SEE HOW YOU SEE. Film Installation Fotografie. Große Deichtorhalle. Bis 25. Juli 2010. Donnerstag, 24. Juni, 19 Uhr: Deichtorhallendirektor Dirk Luckow im Gespräch mit den Sammlern Julia Stoschek und Harald Falckenberg, 10,00 EUR (7,00 EUR erm.) inkl. Ausstellungsbesuch am gleichen Tag. deichtorhallen.de

Und wenn noch bisschen Zeit ist, rüber in den Kunstverein. Dort läuft neu: Daniel Josefsohn: Es wird alles gut Mutter. Fotos Kurzfilme, Anzeigenkampagnen und Objekte des Mediendarlings der 1980er Jahre (Stichwort: MTV-Werbekampagne, „Jetzt“-Magazin). Bis 30. Mai 2010. Der Kunstverein, Klosterwall 23, kunstverein.de