Wie cool, dass die Deichtorhalle der Photographie in diesem Sommer diese Lust befriedet. Sie zeigt frühe, erotische Fotos des japanischen Großmeisters der Erotikfotografie Noboyoshi Araki und deftig-postkommunistische Darstellungen von Sergey Bratkov.

Gleich neben der Kasse rechts laden drei Fotos von Frauen mit herunter gelassenen Schlüpfern vorm Geschlecht dazu ein, die Sergey Bratkov-Ausstellung Heldenzeiten zu betreten. Sie schauen den Betrachter an. Aufreizend, auffordernd. In den Händen halten sie allerdings Reagenzglasschalen, auf die mit schwarzem Stift Namen europäischer Könige geschrieben sind. Und so ist schnell klar, dass die drastische Aufforderung der Damen eher Ergebnis orientiertem Sex gilt. Diese Frauen der Serie Princess wollen – auch mit Hilfe der modernen Medizin – unbedingt halb-blaublütige Kinder haben. In einem nächsten Raum präsentieren sich erneut junge, russische Frauen lasziv halbnackt. Sie sitzen auf Bürostühlen. Auch sie geben vollen Körpereinsatz, um an ihr Ziel zu kommen. Denn den Job als Sekretärin eines kaukasischen Geschäftsmannes erhält nur, wer im Bikini eine gute Figur macht. Secretaries heißt diese Serie.

Um Geld zu verdienen war der ukrainische Künstler Sergey Bratkov immer mal wieder gezwungen, in seiner ukrainischen Heimatstadt Kharkov, wo er bis zu seinem Umzug 2001 nach Moskau lebte, neben seiner künstlerischen Arbeit kommerzielle Auftragsarbeiten anzunehmen. Er arbeitete für Zeitschriften, Werbeagenturen, Freunde und Bekannte. Die beiden oben beschriebenen Fotoserien zeugen von der intelligenten Art und Weise, wie der 50jährige Fotokünstler sich durch diese Jobs für neue Serien inspirieren ließ. Grenzüberschreitungen dieser Art sind nämlich bei ihm Programm und haben ihm den Ruf als Enfant terrible eingebracht. Nachdem ich mir die Ausstellung mittlerweile mehrfach angesehen habe (Hinweis am Rande: die Deichtorhallen sind herrlich kühl, die Klimaanlagen funktionieren und sind noch nicht irgendwelchen Einsparmaßnahmen zum Opfer gefallen!), überwiegt bei mir der Eindruck, dass dieser wichtigste russische Gegenwartskünstler seine Landsleute mit allem Inbrunst seiner russischen Seele liebt. Und gerade deshalb die Menschen im Kapitalismus östlicher Prägung so programmatisch hart zeigt.

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Auch die frühen Fotoserien des Japaners Noboyoshi Araki, die nebenan zu sehen sind, strotzen vor Sex und vor Liebe – der Liebe zu einer einzigen Frau. „Die Fotos dieser sentimentalen Reise sind meine Liebe und mein Beginn als Fotograf“, sagt Araki selbst. Im Zentrum der Ausstellung Silent Wishes stehen zwei Zyklen: Vorne links im Raum My Wife Yoko. Wir sehen ausschließlich Schwarz-Weiß-Fotografien von Arakis Hochzeitsreise. Araki fotografiert seine Frau Yoko Aoki in allen Lebenslagen: im Hotelbett, verschlafen, verwuschelt, ihren schönen, entblößten Po, nackt beim Kochen, müde beim Rauchen. Ein sehr intimes Tagebuch. Und nicht weniger nah: Winter Journey im großen Raum, gleich beim Eintreten in die Ausstellung rechts. Hier dokumentiert der 60jährige Fotokünstler den Verlauf der tödlichen Krankheit seiner Frau und ihren Tod. Ein fotografisches Abschiednehmen, das rührt. Das mich deutlich mehr rührt als all die gefesselten, nackten, japanischen Frauenleiber, mit denen Araki später weltbekannt geworden ist.

Ihre erotischen Sommerfantasien brauchen etwas mehr sommerliche Leichtigkeit? Dann empfehle ich am Schluss den Gang ins Restaurant Pani e Tulipani, einmal über die Straße rüber beim Kunstverein. Hier im Chambre Séparée érotique präsentiert die Galerie White Trash Contemporary eine andere Spielart der Lust. Eine kleine, erlesene Gruppenausstellung von neun Künstlern und Künstlergruppen, die alle erotische Kunst zeigen. Mein absoluter Favorit ist das Video von den beiden jungen Berlinerinnen Lilli & Lola. Immer wieder ein großer Spaß, Lilli beim Sex mit Sofapolstern in einem Möbellager zuzusehen. Das ist frisch und unverblümt und ziemlich hot. Angela Holzhauer

SERGEY BRATKOV: HELDENZEITEN. Deichtorhallen, Haus der Photographie. Bis 29. August 2010. deichtorhallen.de

NOBOYOSHI ARAKI: SILENT WISHES. Deichtorhallen, Haus der Photographie. Bis 29. August 2010. deichtorhallen.de

CHAMBRE SÉPARÉE ÉROTIQUE: JERRY BERNDT, FERNANDO DE BRITO, EVA & ADELE, DON ENRIQUE, DOROTHY IANNONE, NILS GROSSIEN, SUSANNE KLEIN, LILLI & LOLA, OLIVER ROSS. Im Séparée vom Restaurant Pane E Tulipani, Klosterwall 23. Bis 14. August. pane-e-tulipani.eu / whitetrashcontemporary.com

Und wenn Sie jetzt echt genug von nackten Leibern und Darstellung von erotischen Szenen haben, dann können Sie ja noch kurz zum Abkühlen in die neue Ausstellung im Kunstverein rüber schauen. Michael Riedel zeigt zehn großformatige Tafelbilder aus Papier, deren Thema Überlagerung, Reproduktion und Urheberrecht sind. Nicht so heiß, aber durchaus interessant. MICHAEL RIEDEL: THE QUICK BROWN FOX JUMPS OVER THE LAZY DOG. Kunstverein, Klosterwall 23. Bis 8. August. kunstverein.de