Die Räume im dritten Stock sind leer – und zugleich übervoll. Direkt auf die Wand mit poröser Pastellkreide sind breite Streifen aufgetragen. Im zentralen Raum sind sie eben Rot, Schwarz, Goldgelb und Grau, in rechteckigen Treppenstufen schmaler werdend und ziehen um die Ecke rum. Manche genialen U-Bahn-Gebäude haben diese Art geometrische Wandunterteilung. Ein anderer Raum ist mit braunen, grauen, schwarzen Quadern zugestapelt und erinnert an Containerlagerung im Hafen. Wieder eine andere Wand zeigt einen Buchstabensalat in Grün und Ocker. Diese Arbeit heißt „What am I doing here?“ und ist eine buchstäbliche Hommage an die Freundschaft zu Bruce Chatwin, dem Reise-Literaten, der zu dem nicht tot zu kriegenden Moleskine-Notizbuch-Boom geführt hat. Alle seine Reisenotizen nach Patagonien, Australien oder Afrika hat Chatwin angeblich in diesen kleinen Notizbüchern festgehalten. Und ganz wie Chatwins Literatur funktionieren die Wandzeichnungen von David Tremlett.

Denn stets trägt der 65jährige britische Bildhauer und immerzu um die Welt Reisende die Erinnerung eben an seine letzte Reise mit sich rum: die gesehenen Farben, die erlebte Natur. Und dann reagiert Tremlett zusätzlich auf den aktuellen Ausstellungsort. Er nimmt intelligent Bezug zur quadratischen Struktur der Galerie der Gegenwart, schafft Verbindungen, neue Ausblicke zwischen den Räumen und füllt die Kühle der Architektur mit warmer Poesie. Neben der irdenen Farbpalette trägt ganz entscheidend die Vergänglichkeit der Kunst zum schönen, melancholischen Gefühl beim Betrachten bei. Anfang November verschwinden diese Zeichnungen wieder, werden einfach übertüncht. Und das wiederum zeugt von einer anti-historisierenden Haltung und einem erweiterten Skulpturbegriff. 12 Assistenten, elf Stunden am Tag, über einen Monat lang hat der gesamte Aufbau für diese besondere Ausstellung gedauert. Auch diese Zeit und die viele manuelle Arbeit ist etwas, was sich unbedingt als Gefühl beim Betrachten überträgt.

1992 waren Arbeiten Tremletts zuletzt in einem deutschen Museum zu sehen. Dabei gehört er neben Richard Long und Gilbert & George zu den wichtigsten britischen Gegenwartskünstlern und hat wie sie seine Wurzeln in der Konzept- und Landartkunst der 1970er Jahre. Seine Kunst ist so wohltuend leise und nachhaltiger – bei aller Vergänglichkeit – als all der schrille, teure Trash, der sonst so von der Insel kommt.

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Also lassen Sie sich nicht von der politischen Brandschutzklappenposse irritieren und überwinden Sie auch die logistischen Hürden, um die Ausstellung Drawing Rooms zu erreichen. Bis Oktober ist noch der normale Eingang der Galerie der Gegenwart geschlossen. Sie müssen den Haupteingang der Kunsthalle nehmen, durch das Max-Liebermann-Café durch, dem Leuchtschriftlaufband Jenny Holzers folgen runter in den Keller der Galerie der Gegenwart und dann hoch in den dritten Stock. Sie sollten vielleicht auch kurz verweilen in der ebenfalls sehenswerten Kellergeschoß-Ausstellung WHITEOUT des Baloise-Kunst-Preisträgers Geert Goiris. Seine Fotos und die gleichnamige, altmodische Dia-Projektion sind ebenfalls von enormer Bild- und Sogkraft. Beides Ausstellungen zeitgenössischer Kunst auf höchstem Niveau. Und dass man aufgrund der irrwitzigen Kulturpolitik dieser Stadt die Räume unter der Woche in der Regel ganz für sich allein hat, schmälert vielleicht die Einnahmen des Museums. Den Kunstgenuss hingegen nicht. Angela Holzhauer

– Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, 3. Stock: David Tremlett. Drawing Rooms: Wandzeichnungen für die Galerie der Gegenwart. Bis 31. Oktober. hamburger-kunsthalle.de

– Und wer David Tremlett persönlich über seine Arbeiten sprechen hören möchte, hat im Dialog mit der britischen Kunstkritikerin Sarah Kent am 1. September, um 19 Uhr, vor dem Kupferstichkabinett dazu Gelegenheit. If Walls Could Talk ist das Gespräch mit dem Künstler überschrieben. Es findet in englischer Sprache im Rahmen der Kunsthallenreihe „Reden über Kunst“ statt. Eintritt: 5 Euro.

– Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Keller: Whiteout. Präsentation des 11. Baloise-Kunstpreises. Arbeiten von Geert Goiris. hamburger-kunsthalle.de

Und für alle, die sich ihren eigenen Tremlett im kleineren Format kaufen oder einfach noch mehr Arbeiten dieses wichtigen, zeitgenössischen Künstlers sehen möchten, lohnt der Gang in die

– Galerie Dörrie * Priess, Admiralitätsstr. 71, 3. Stock. Dort sind in Ergänzung zur Ausstellung in der Kunsthalle Ideas on Paper von David Tremlett noch bis Ende September zu sehen. Die Galerie vertritt diesen Mann nämlich schon seit Jahren. Womit die in Hamburg immer so beschämt versteckt gehandhabte Zusammenarbeit von Galerien und Museen hier endlich mal ungeniert und kerngesund öffentlich gemacht ist. doerrie-priess.de