Gerahmt wird die Gruppenausstellung von zwei großen Formaten des 39jährigen Hamburger Künstlers Thorsten Brinkmann. Links im Eingang gleich seine bekannte Milkmaid, rechts MitOhne – ein goldener Aschenbecher liegt auf schwarzem Persianerpelz vor schwarzem Hintergrund. An der Stirnseite des ersten Raumes die erste Glasvitrine. Und jetzt geht das kunsthistorische Suchspiel schon los: Da steht der Flaschentrockner von Marcel Duchamp, daneben das Eichhörnchen von Meret Oppenheim, dahinter die Maske (Dracula) aus Fruchtgummigebissen von Mariella Mosler und rechts davon das Objet à detruire (Métronome) von Man Ray, das in seiner entzückenden Einfachheit so typisch für die Kunst der Surrealisten ist. Das Foto eines weiblichen Auges mit einer Büroklammer aufgesteckt – fertig ist die Arbeit. Wer Kunstgeschichte liebt, bei dem explodiert spätestens jetzt das Hirn vor lauter Erinnerungen und Bezügen. Vorbei an einer dieser herrlichen Maschinen von Jean Tinguely geht’s dann durch einen schwarzen Samtvorhang in den Hauptraum, in dem dann fünf weitere Glasvitrinen voll gestopft sind mit irgendwie allen Arbeiten des vergangenen Jahrhunderts: einem Kasten mit Barbiepuppenbeinen von Arman, den wunderschönen Papiermasken von José de Guimaraes und natürlich mit der Titel gebenden Arbeit von Meret Oppenheim: die Zeichnung und der Bronzeabguss Das Ohr von Giacometti. (Levy vertritt den Nachlass von Meret Oppenheim.)

Leider fehle die zentrale Arbeit, die diese Show noch gebraucht hätte, Die Pelztasse von Meret Oppenheim, bedauert Thomas Levy zu unrecht bescheiden, denn die haben wir doch alle sowieso klar vor Augen. Die Versicherungssumme für Die Pelztasse sei einfach unbezahlbar, sagt Levy. Kein Werk fasse besser die Widersprüche und Themen der Zeit und die Kunst der Surrealisten zusammen als diese Pelztasse, beschreibt auch Belinda Grace Gardner in dem die Ausstellung begleitenden, lesenswerten Katalog (kaufen!). Die aktuelle Show bei Levy erinnert nämlich an die legendäre Surrealisten-Ausstellung Exposition surréaliste d`objects, die 1936 in der Pariser Galerie Charles Ratton von André Breton inszeniert worden ist. Dort entdeckte eben diese Pelztasse kein geringer als der Gründungsdirektor des Museums of Modern Art in New York Alfred H. Barr, kaufte sie sofort und begründete damit die Karriere der Muse der Surrealisten, die Karriere von Meret Oppenheim. Und somit irgendwie auch die von Thomas Levy. Denn die wichtigsten Stränge seines Galerieprogramms sind bis heute der Surrealismus und die Pop Art.

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Und wie viel Surrealismus oder Postsurrealismus steckt nun in der Kunst von heute? Die Kuratorin teilt alle Arbeiten, die alten und die neuen, in Gruppen ein, thematisiert „Maskenspiele und Fetische“ oder „Eros, Tod und Traum“. Ich finde, dass man auch mit banaleren Leitmotiven wie Pelz/Fell, Natur, Mann/Frau, Erotik, Maske schon gute und amüsante Fäden ins 21. Jahrhundert ziehen kann. Vielleicht lässt sich der im Ausstellungstitel so vorsichtig formulierte Begriff des (Post-)Surrealismus ähnlich handhaben wie Jean-Francois Lyotard den Begriff der Postmoderne begriffen hat: Als permanentes Redigieren der Charakterzüge der Moderne, als Aneignung und Fortführung jenseits von Begrifflichkeiten und Epochalität. Objektkunst heute basiert demnach ganz selbstverständlich und locker postmodern auf der Objektkunst der Surrealisten. Man könnte demzufolge heute statt von Postsurrealismus von Radikalsurrealismus sprechen. Oder einfach von einem surrealem Gemütszustand, die Künstler und Macher dieser Ausstellung wunderbar verinnerlicht haben.

Hier also noch einmal die Empfehlung: diese Galerieausstellung ist ein überreales, museales Fest, das Gardner und Levy für uns in diesem strengen Hamburger Winter inszeniert haben. Hingehen und schwelgen!

Angela Holzhauer

LEVY: Das Ohr von Giacometti. (Post-)Surreale Kunst von Meret Oppenheim bis Mariella Mosler. Ausstellung zum 40jährigen Bestehen der LEVY Galerie. Bis Ende März verlängert. Osterfeldstr. 6. levy-galerie.de. Die Galerie ist auch zwischen den Jahren geöffnet!