RUND UM DEN LINDENER MARKTPLATZ

Lindens Lokalpatriotismus hat seinen Grund: Zwischen Lindener Berg und Ihme entstand Anfang des 19. Jahrhunderts die einzige Industriestadt des Königreichs Hannover. Lange Zeit wehrte sich dagegen die Nachbarstadt Hannover, das „Arbeiterdorf“ Linden einzugemeinden, doch 1920 wurde Linden mit seinen damals 80 000 Einwohnern zu einem Teil Hannovers. Heute gliedert sich das Gebiet in drei Stadtteile: Linden-Süd, Linden-Mitte und Linden-Nord. In diesem Teil der PRINZ-Stadtteilserie geht es um den ältesten Teil: Linden-Mitte, das Herz der einstigen Fabriken-Metropole. Zwischen Fössestraße und Deisterstraße sowie Lindener Berg und Ihme liegt das gefühlte Linden- Mitte. Denn streng genommen gehört die Deisterstraße in Teilen bereits zu Linden-Süd. Doch gerade in den letzten Monaten hat sich die Szene der lässigen Lindener ausgehend vom Schwarzen Bären auch die Deisterstraße erobert. Aber fangen wir mit dem Hässlichsten an: dem Ihmezentrum. Es sollte eines von mehreren hochverdichteten Wohn-, Arbeits- und Einkaufszentren sein, die in den Sechziger Jahren für das Stadtgebiet von Hannover geplant waren.Mit diesen Zentren sollte die Innenstadt entlastet und gleichzeitig zentraler Wohnraum geschaffen werden. Das Ihme-Zentrum war das einzige dieser Zentren, das tatsächlich in den Siebziger Jahren gebaut wurde – und heute als hässliche Bausünde empfunden wird. Seit einigen Monaten wird es umgestaltet, Ende des Jahres ist die Eröffnung als neue Shoppingmeile „Linden-Park“ geplant. Vor dem Ihmezentrum kann man die gelungene Sanierung eines städtischen Platzes bewundern: Der Küchengarten ist zu einem vielfältigen Treffpunkt umgestaltet worden, dessen buntes Treiben man bei einem lässigen Frühstück im knuffigen Lokal Seeteufel beobachten kann.

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Vom Küchengarten geht’s über die Stephanusstraße zum eigentlichen Zentrum, dem Lindener Marktplatz. Straße wie Platz zeichnet aus, was Linden zu Linden macht: Die ewig gleichen Filialisten der Innenstadt sucht man hier vergeblich, vielmehr reiht sich ein individueller Laden an den anderen, wie etwa der Schmuck- und Accessoire-Shop Rosie von Cecil Hofmann und Vera Lecht. Viele Lindener starten freitagmorgens mit einem Besuch des Wochenmarkts auf dem Markplatz ins Wochenende, allerdings ist hier das Nightlife gerade in einer Umbruchphase.Aus den ehemaligen Kultläden Gig und Centrum wurden i den vergangenen Jahren die Lindener Freiheit und die Bar Central. Doch der Erfolg blieb aus. Beide Läden haben aufgegeben. Nun aber wagt das Centrum einen Neustart. Und setzt dabei auf alte Tugenden: Das Ambiente mit L-Form und samtroten Farben erinnert an die goldenen Zeiten des alten Centrums, und das DJ-Programm ist dank Ex-Wohnraumatelier-Chefin Iyabo mit Lindens Plattenwender-Elite bestens besetzt. Nördlich vom Marktplatz findet man das bürgerliche Linden. Altbauten aus der Gründerzeit sind rund um die Beethovenstraße zu bewundern, in der Egestorffstraße und Falkenstraße gibt es gemütliche Cafés wie das Café K, aber auch szenige Neueröffnungen wie die Bar Herr Schmidt. Südlich des Lindener Marktplatzes steht die Adresse Schwarzer Bär als Synonym für das traditionelle Partyzentrum des Viertels: Im Capitol steigen regelmäßig Partys, Ende Februar öffnet im gleichen Gebäude die neue Gothic-Disco Dark Star, und auch das Bronco’s hat sich runderneuert.Die Einrichtung des vom Publikum geforderten Raucherraums wurde gleich mit einer Renovierung verbunden: Das Kuhfell an der Wand ist weg, das Bronco’s erstrahlt in neuem Glanz. Runderneuert wurde auch die Deisterstraße, die vom Schwarzen Bären abgeht.Neben einem neuen Straßenbelag gibt es aber auch neue Läden von jungen Gründern. Etwa den Großstadtrekorder, der Streetwear ebenso im Angebot hat wie Street Art, den Kulturpalast Linden oder mit dem Ohrwurm einen der besten Plattenläden der Stadt. Der Lindener hat also alles, was er braucht und fährt nur im äußersten Notfall „nach Hannover“ – also in die Stadt. Mit einer Ausnahme: Das Veranstaltungszentrum Glocksee am anderen Ufer der Ihme gilt den Lindenern quasi als heimische Exklave auf hannoverschem Gebiet.