Wenn sich samstags der Discounterclub im Stöckener Freizeitheim trifft, dann ist das zwar keine konspirative Sitzung zur Umstrukturierung von Supermärkten, aber um Geld geht es trotzdem. „Wer kauft? Wer hat’s? Wer macht die Preise? Sind wir die Nachfrage oder das Angebot? Bin ich die Unterschicht?“ Das sind die Fragen, mit denen sich die beiden Tanjas, Pano und Katrin (Foto unten) seit mehreren Monaten beschäftigen, denn zumindest für eine kurze Zeit sind sie aktive Mitglieder des Jungen Schauspiels Hannover. Nicht nur Theater für, sondern vor allem mit Jugendlichen soll hier geboten werden; und zwar auch dort, wo Schauspiel und Co. sonst keine Rolle spielen. Unter dem Motto „Tacheles“ haben fünf Künstlerteams die kulturelle Mitte der Stadt verlassen und mit fünf umgebauten Containern vor Jugendzentren oder Schulen Stellung bezogen. Die Wagen wurden dabei zum Treffpunkt, zur Bühne und zum Kunstobjekt – liebevoll gestaltet wie bei den Mädchen von der Frauenbase vom Kronsberg (Foto rechts oben: Alicia und Merve, für die sich alles um das Thema Schönheit drehte. („Sind wir unsere Busen? Warum tragen Männer keine String-Tangas? Sind wir unsere Mütter? Was wünschen wir uns für unsere Töchter?“) Auch sie haben in den letzten Wochen „Meinungsforschung an sich selbst“ betrieben, haben diskutiert, sich ausprobiert, sind unter die Leute gegangen und haben schließlich ihre Erkenntnisse in Songs, Performances oder kleinen Stücken bühnentauglich verarbeitet.

„Tacheles“ will theaterferne Jugendliche ins Boot holen – ein ehrgeiziges Anliegen, und nicht ganz ohne organisatorische Tücken. Oft brauchte es mehrere Anläufe, um genügend Jugendliche zusammenzubekommen. Eine Einladung zum „Popstars“-Casting wäre bestimmt erfolgreicher gewesen. Doch genau darum geht es bei diesem Projekt nicht. Es gibt keine Versprechen auf eine Zukunft im Rampenlicht, keine medienwirksame Entlarvung von Talentlosigkeit, sondern die Chance, eigene Themen, eigene Fragen künstlerisch umzusetzen und die Ideen mit einem Publikum zu teilen. Doch nicht nur der künstlerische Ausdruck und die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte sind für diese Jugendlichen etwas völlig Neues. Auch die Notwendigkeit verbindlicher Verabredungen und die Fähigkeit, auch in stressigen Phasen am Ball zu bleiben, stellen manche von ihnen vor eine neue Herausforderung.
Geht es also bei dem Projekt um Pädagogik oder um Kunst? „Wenn alles gut läuft: Um beides“, so Miriam Tscholl. Sie hat die künstlerische Leitung im Projekt „Tacheles“ und führt Regie bei der abschließenden Bühneninszenierung, die im April Premiere hat. In diesen Tagen bedeutet das für sie vor allem viel Mobilität: Immer im Wechsel pendelt sie zwischen den einzelnen Containern, informiert sich über Fortschritte und Probleme und ist schließlich in vorderster Front dabei, als die Wagen auf dem Ballhof zusammenkommen. Hier wollen die Gruppen erstmals gemeinsam ihre Ergebnisse präsentieren. Eine aufgeregte Meute stürzt aus einem der Wagen. Die gut 30 Teilnehmer erobern das Foyer des Ballhofs Zwei und schließlich die Herzen der Zuschauer – nicht mit Perfektion (darum geht es hier weniger), aber umso mehr mit Begeisterung und Freude. Trotz des großen Gelächters wird deutlich: Die Jugendlichen haben etwas zu sagen, haben sich Gedanken gemacht über Schönheit, Geld oder das schlechte Image, das junge Leute in der Gesellschaft haben.

Beim Song über den abwesenden Vater bleibt Gänsehaut nicht aus. Mögen diese Mädels auch noch so cool erscheinen, hier zeigen sie ein Stück Verletzlichkeit, ein Stück ihrer eigenen, nicht immer leichten Geschichte, ein Stück, das niemanden kalt lässt.Wer sonst mit Theater nichts am Hut hat, der könnte hier Lust darauf bekommen.Wer gelangweilt ist von zuviel glattem, nach Prestige Ausschau haltendem Regietheater, der findet hier etwas vom ursprünglichen Sinn eines Bühnenspektakels wieder. Es ist laut, es ist bunt und es spricht eine klare Sprache. „Tacheles“ ist nur eines der Projekte des Jungen Schauspiels, doch es zeigt exemplarisch das Konzept, das Leiterin Heidelinde Leutgöb vorschwebt. Jung bezieht sich demnach nicht allein auf das Alter der Zielgruppe. Jung meint vor allem auch die Form des künstlerischen Ausdrucks, wie die Musik oder die Sprache. So wurde mit der Inszenierung von „Romeo und Julia“ ein klassischer Theaterstoff erfolgreich aufgefrischt und seine Aktualität intensiv unter Beweis gestellt (siehe Kasten). Jung charakterisiert aber auch die Themen, die behandelt werden. Stücke wie „Aussetzer“ oder „City“ holen aktuelle Schlagzeilen auf die Bühne (siehe Kasten). Das Junge Schaupiel Hannover vermittelt vor allem eine Botschaft: Theater ist zwar ein alte Kunstform, doch sie passt auch ins Hier und Heute. Ob mobil, in Treppenhäusern oder auf der großen Bühne: Das Spiel mit dem Spiel hat seine Kraft nicht verloren.Ob man sich für alte Meister oder Experimente entscheidet, ist dabei jedem selbst überlassen.Am Ballhof Zwei jedenfalls wird der Einstieg leicht gemacht – die Zukunft beginnt heute.