Wer Hannover vor der Expo 2000 den Rücken kehrte und erst zur Weltausstellung wiederkam, erkannte die Stadt an manchen Stellen kaum wieder. Noch orientierungsloser dürften sich diejenigen Besucher fühlen, die erst jetzt wieder zurück in die Leinestadt kommen. Wie die Schläfer in einem Science-Fiction-Film, die nach einem längeren Aufenthalt im Kühltank wiederbelebt wurden, wandeln sie durch eine moderne und gläserne Zukunftsstadt. Nur die fliegenden Autos solcher Science-Fiction-Szenarien fehlen. So weit die schöne Vision: Wer nämlich im Herbst 2008 seinen eisgekühlten Tiefschlaf beendet, wandert in der hannoverschen City von einer Baustellen zur nächsten. Beginnen sollte man seinen Rundgang am Opernplatz – das Opernhaus steht noch und bietet so einen vertrauten Orientierungspunkt. Der Platz drumherum wird aber in den klassizistischen Urzustand zurückversetzt. Dafür werden bis Juni 2009 die Grünanlagen komplett neu angelegt. Die Straßenführung wurde mit der Schließung der Windmühlenstraße im Bereich der Oper und Öffnung der Rathenaustraße bereits verändert, und die Straßen in Cora-Berliner-Weg und An der Börse umbenannt.

Um die nächste große Veränderung in der City richtig wahrzunehmen, bräuchte man schon eines der fliegenden Zukunftsautos: Denn nur aus der Luft kann man den Schriftzug „Expo 2000 Hannover“ im Pflaster des Platzes der Weltausstellung gut lesen. Die Sanierung des Platzes soll die südliche City enger an die Haupteinkaufsrouten der Innenstadt anbinden. Die Gehwege und die Beleuchtung wurden angeglichen sowie die Straßenbreite der Osterstraße verengt und das Straßenpflaster in der Kurve auf Bürgersteigniveau angehoben. Mit diesen Maßnahmen wollen sich die ansässigen Geschäfte wie das Mäntelhaus Kaiser gegen die Konkurrenz der neuen Ernst-August-Galerie rüsten. Um diese schöne neue Shopping-Welt zu erreichen, muss man in der großen Packhofstraße zwei weitere Baustellen passieren. Dort ziehen das Schuhhaus Görtz und ein Düsseldorfer Modehaus ihre neuen Geschäftsgebäude hoch.

Am Bahnhofsplatz angekommen sieht der Besucher, dass der Hauptbahnhof einen modernen Gegenpart bekommen hat: Hinter viel Glas verbergen sich in der Ernst-August-Galerie auf drei Etagen Geschäfte, die man früher in Hannover vergeblich gesucht hat, Heimatgefühle lösen hingegen vertraute Namen wie Horstmann und Sander und Schmorl und von Seefeld aus. Der neue Koloss zieht sich vom Ernst-August-Platz die Kurt-Schumacher-Straße entlang bis zur Herschelstraße und belebt damit einen Teil der Stadt, der lange im Dornröschenschlaf gelegen hat. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass auch gegenüber alte Gebäude der Abrissbirne zum Opfer fielen. Dort soll das Rosenquartier erblühen: Ein neuer Komplex mit Büros, Geschäften und einem Hotel zwischen Schillerstraße, Andreaestraße, Rosenstraße und Kurt-Schumacher-Straße. Noch kann man nicht erkennen, wie die Menschen dort später arbeiten, einkaufen und übernachten sollen. Das Haus an der Ecke Andreaeund Kurt-Schumacher-Straße ist völlig verschwunden, während die denkmalgeschützten Gebäude des ehemaligen Fernmeldeamts an der Rosenstraße aufwändig saniert werden. Gerade als der Lärm in der Ernst-August-Galerie versiegte, nahmen die Presslufthämmer gegenüber ihre Arbeit auf. So sollte der Lärmempfindliche Besucher noch ein Jahr mit seiner Hannoverreise warten. Wer dann seine Zeitkapsel verlässt, sieht auch die Schmuddelecke der City im neuen Glanz erblüht:Wie in einer futuristischen Arena führen große Freitreppen hinunter zum Raschplatz, über dem die rundum sanierte Baggi- Disco wie ein Ufo thront. So könnte man sich in einer fernen Zukunft wähnen – doch das Kröpcke-Center erinnert an die graue Vergangenheit. Aber es gibt Hoffnung: Falls umgebaut werden soll, muss es schnell gehen, denn im Juli 2009 läuft die Umbaugenehmigung vorerst aus.