August 2000: Sportmoderator Waldemar Hartmann freut sich in der ARD, dass das Stadion bei den Olympischen Spielen in Sydney erneut ausverkauft ist – und kann sich den Hinweis nicht verkneifen, dass sich die Expo in Hannover daran ein Beispiel nehmen solle. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Wartezeit vor einigen Pavillons der Weltausstellung bereits mehr als vier Stunden …

Es waren solche Momente, die Hannover mehr veränderten als die vorangegangenen städtebaulichen Eingriffe. Das Selbstbewusstsein der als Provinzler Gescholtenen stieg, je mehr die Außenwelt auf die Stadt und die angeblich verwaiste Expo eindrosch. Die Hannoveraner nahmen’s achselzuckend zur Kenntnis und freuten sich lieber über allabendliches internationales Flair auf der Expo-Plaza, einen Sommer voller Weltstars und verlängerte Ladenöffnungszeiten in der City. Aber nicht nur die Einstellung der Bewohner zu ihrer Stadt, auch das äußere Erscheinungsbild Hannovers änderte sich in vielen Punkten: Am Kronsberg entstand ein komplett neuer Stadtteil, mit der Preussag-Arena hatte man bereits lange vor Hamburg oder Berlin eine riesige Multifunktionshalle, und der Zoo hübschte sich zum „spektakulärsten Zoo Europas“ („Stern“) auf. Neben dem modernsten Bahnhof des Landes bekamen die Hannoveraner ein S-Bahnsystem. Doch das Ziel, das Expogelände als Standort für High-Tech-Branchen zu nutzen, wurde verfehlt. Heute ist das ehemalige Ostgelände weitgehend Brachland mit einzelnen Ausnahmen wie Mousse T.s Peppermint Park Studio, das im ehemaligen belgischen Pavillon zu finden ist. Und man freut sich, dass wenigstens Ikea aufs Gelände gezogen ist.

Weitgehend unabhängig von der Weltausstellung ist die Entwicklung der Nordstadt verlaufen – wenngleich auch hier die Medien eine Rolle spielten. Wir erinnern uns an den August 1995. Die Chaostage – hervorgegangen aus Punker- und Skinhead-Treffen in den 1980er Jahren – schafften es bis in die Tagesschau: Ein geplünderter Penny-Markt war dort zu sehen. Und vermummte Gestalten, die in der Schaufelder Straße wüteten, als gelte es, den Sturm auf die Bastille nachzuspielen. Endlich mal Action im ruhigen Hannover! Für drei Tage und Nächte. Die einheimischen Punks waren indes wenig begeistert. 14 Jahre später. Den Penny-Markt gibt es schon lange nicht mehr. Die Immobilie ist zu einem ansehnlichen Energiesparhaus umgebaut worden. Familienbewusstes Wohnen statt Hausbesetzungen: In Resse in der Wedemark oder Bredenbeck am Deister könnte es nicht beschaulicher zugehen. Zwar gibt es noch bunte Gestalten mit Lederjacke, Irokesenkamm und Hundemeute. Am ehesten trifft man sie am mit Sponti-Parolen besprühten ehemaligen Sprengelgebäude, dem letzten Relikt aus der bewegten Punk-Vergangenheit des Stadtteils.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum PRINZ bereits vor der ersten Ausgabe für ordentlich Wirbel in Hannover sorgte und wie der Entdeckergeist von Dave The Sheikhsdas Linden zum Szeneviertel machte.Auf der anderen Straßenseite aber symbolisiert der Werkhof den Wandel vom Viertel der Outlaws, Kaputten, Künstler und Studis zur Wirkungsstätte der neuen Kreativen. Fitnessstudio, Hotel, Gitarrenschule und eine Bar sind hier beheimatet. Nach den Chaostagen, aber noch vor der Expo, zog es auch den PRINZ in den Ökohof. Dort hatte aufgrund der Regenwasseraufbereitungsanlage sogar der Toilettengang etwas politisch Korrektes. Damals, also 1999, gab es bei der Auswahl des Mittagstisches zwei Alternativen: Dönertasche oder Lahmacun? Heute sind fernöstliche Garküche und Bagel-Shop nur zwei von vielen Möglichkeiten. Diese neue Aufgeschlossenheit spiegelt sich auch auf der Flaniermeile der Nordstadt, dem Engelbosteler Damm, wider. Neben alteingesessenen Schneidereien und linksalternativen Buchläden residieren hier in Uni-Nähe ein Tonstudio (Time Toolz), ein Plattenlabel (AGoGo), zwei innovative Designläden (Jäger&Sammler, Designkombinat) und mit dem Spandau die lässigste Bar der Stadt. Die Factory, dienstälteste Techno-Disco der Republik, hat zwar nach 20 Jahren ihren Betrieb eingestellt, wird aber vom Poprock-Club Engel 07 beerbt. Es passiert viel in dem Stadtteil, der durch die Chaostage bundesweite Berühmtheit erlangte.

Gewalt und Anarchie gehören auch zur Geschichte eines anderen Stadtteils: dem Steintor. Das Rotlichtmilieu war der erste Standort der PRINZ-Hannoverredaktion. Die erste Ausgabe war noch nicht am Kiosk, da machte PRINZ bereits Schlagzeilen. Allerdings keine guten: „Verlagsleiter zusammengeschlagen im Treppenhaus. Massive Drohungen gegen die PRINZ-Redaktion“. Diese bat sogar die Polizei um Personenschutz. Dann kehrte Ruhe ein. Bis zu dem Sommertag im Jahre 1995: Zur Mittagszeit fielen im Eiscafé unter der PRINZ-Redaktion mehrere Schüsse. Ein Hubschrauber kreiste im Innenhof, den Täter konnte die Redaktion noch weglaufen sehen. Hintergrund: ein Machtkampf albanischer Mafiabanden um die Vorherrschaft im Steintor-Milieu. Diese besitzen nun Frank Hanebuth und seine Hells Angels – offenbar der Ruhe wegen von der Stadt geduldet. Seitdem ist nicht nur die sichtbare Gewalt weniger geworden, der Kiez hat sich in den letzten neun Jahren zu einem Partyzentrum mit vielen kleinen Clubs aller Musikrichtungen entwickelt.

In Linden allerdings hätte Hanebuth wenig zu melden. Im hannoverschen Äquivalent zum Schanzenviertel oder Kreuzberg geben Erscheinungen wie Torsten Fischer das Tempo vor. Fischer sieht aus wie ein Pirat, hat ähnlich große Muskeln wie Hanebuth, aber liebt Philosophie und Jazz. Als Sicherheitsexperte hat er in wohl jedem Lindener Club den Türsteher gegeben. Und viele, die jemals an ihm vorbei ins Gig, Faust oder Béi Chéz Heinz gelangten, meinen, Fischer hätte gar den Aufstieg des grauen Arbeiterviertels zum hippen Muss-man-unbedingt-hinziehen-Kiez mit zu verantworten. Das ist natürlich Unsinn. Vielmehr sind es viele Faktoren, die hier zusammenspielen. Vielleicht lag es am Entdeckergeist eines Dave The Sheikhs, der in der muffigen Muckerkneipe Gig am Lindener Marktplatz eine Lounge mit moderner Clubmusik etablierte, die erst von zwei Dutzend, später von bis zu 1000 Menschen frequentiert wurde. Oder an originellen kleinen Bars und Künstleroasen wie dem Centrum, den Waschweibern oder dem Wohnraumatelier, wie es sie nur in Linden geben kann. Für Torsten Fischer ist es die „Achtziger-Jahre-Post-Punk-Generation“, die Linden noch immer prägt. Fischer: „Diese Generation hat sich gewandelt, ist angepasster geworden, aber die Idee, sich zusammenzuschließen und Projekte anzugehen, lebt weiter.“ Wie etwa in der Faust: Aus der ehemaligen Bettfedernfabrik wurde ein erfolgreiches alternatives Veranstaltungszentrum, zum Indie-Pop-Festival BootBooHook reisten dieses Jahr Fans aus ganz Deutschland an. Und stellten dann erstaunt fest, dass nicht nur Linden, sondern ganz Hannover viel zu bieten hat.
Bernd Schwope