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Ein Abend mit Tito & Tarantula

Tito Larriva hat eine Menge gemacht. In 52 Filmen mitgespielt zum Beispiel. Oder die Band RADIOHEAD zu ihrem Namen inspiriert. Aber lest selbst.



Das Kölner Underground ist trotz Wochentag restlos ausverkauft und bereits Stunden vor der Show wuseln zahlreiche Helfer durch den Biergarten, stellen Merch-Stände auf, telefonieren, schütteln resigniert die Köpfe. „Eigentlich ist der Laden viel zu klein, aber so ist es jetzt nun mal,“ hören wir von den Tourbegleitern. Und tatsächlich ist man von TITO & TARANTULA eigentlich größere Venues gewohnt – in der Vergangenheit spielten sie in der Live Music Hall. Entsprechend lange zieht sich der Sondcheck, so dass sich der Interviewtermin um über eine Stunde verschiebt. Als wir dann von der Tourmanagerin in den Tourbuss gebeten werden, ist Meister Tito jedoch nichts von Hektik oder Stress anzumerken. Kein Wunder – der entspannte und überaus freundliche Bandchef ist ja nicht zum ersten Mal in der Domstadt:

„Wir waren schon viele Male hier. Vor allem in den Anfangstagen haben wir hier ziemlich oft gespielt. Das erste Mal für mich war irgendwann in den Achzigern mit einer anderen Band. Das zweite Mal waren wir mit TITO & TARANTULA Vorband von JOE COCKER hier – das war irgendwann ’96 oder ’97. Einige zeitlang kamen wir jedes Jahr. “ 

© Promo

 Hattet ihr auch mal Zeit euch den Dom anzugucken?

„Oh ja, natürlich. Den schauen wir uns jedes mal an, wenn wir hier sind. Früher sind wir im „Hopper“ Hotel untergekommen, der früher mal ein Kloster für Nonnen oder etwas in der Art war. Dort waren wir immer sehr gerne. Heute gibt es zwei von denen, aber wir waren damals unter den ersten Gästen überhaupt [Tito meint vermutlich das St. Antonius Haus, wo zwar keine Nonnen untergebracht wurden, dafür aber wandernde Gesellen]. Heutzutage bleiben wir nur noch selten in Hotels, da wir im Buss schlafen und in der Nacht zur nächsten Stadt gefahren werden.“

Die aktuelle Tour wird zwar ebenfalls in einem komfortablem Gefährt absolviert, doch knüpft sie thematisch stark an die Anfangstage der Band an. Denn man präsentiert nicht nur eine aufpolierte Version des Klassikers „Tarantism“, sondern auch ein komplett neues Album bestehend aus alten Songs – „Lost Tarantism“. Wie kam es dazu?

„Die Idee kam ursprünglich aus Deutschland. Die Platte war hier seit fast sieben Jahren nicht in den Läden erhältlich. Und die Leute haben immer wieder danach gefragt. Die Verantwortlichen haben dann vorgeschlagen das Album mit einem neuen, moderneren Sound wieder zu veröffentlichen. Nun ist es ein wenig lauter und frischer, aber sonst wurde nichts verändert. Es hat ziemlich lange gedauert die Masterbänder wiederzufinden, die in meiner Garage deponiert waren. Ich habe fast drei Monate nach den richtigen Takes gesucht, bei denen wir damals gesagt haben – das ist es! Es gab wirklich viele Versionen der Aufnahmen, denn manche Songs wurden in unterschiedlichen Filmen verwendet und entsprechend abgeändert. Und in diesem Suchprozess habe ich auch all die Stücke wiedergefunden, die ich schon längst vergessen hatte.

 Du hast ein ganzes Album einfach vergessen?

Wir hatten damals über 30 Songs geschrieben. Als wir an dem Album dran waren, arbeitete Robert Rodriguez gerade mit Steven Spielberg an „Zorro“, wollte aber extra für uns ein Label gründen und Co-Produzent werden. Leider durfte er aufgrund von rechtlichen Angelegenheiten doch kein Label gründen. Wir hatten also ein Album und kein Label und Sony legte das Ganze ad acta. Zwei Jahre vergingen und einer der Techniker rief mich an und sagte: „Ich höre gerade das Album durch – was ist eigentlich damit passiert?“ Ich erzählte es ihm und er überredete mich Sony anzurufen und danach zu fragen. Und das tat ich auch. Ich wollte wissen, was ich dafür tun musste, um es zurück zu bekommen und die Leute von Sony sagten einfach: „Hol es dir, wir machen eh nichts damit.“

Also holte ich all die Tapes ab, brachte sie in die Garage und suchte mir zehn Lieder aus – so entstand Tarantism. Viele der aneren Lieder habe ich mir gar nicht wieder angehört und sie in Kartons gelegt. Es war schon alles fertig, aber sie wurden einfach vergessen.“

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Und bei der Suche nach den Master-Bändern hast du die alten Schätze wieder ausgegraben?

„Als ich mir das Material von Tarantism wieder angehört habe, kam das Ganze wieder hoch, ja. Erst wollten wir nur ein Paar von denen als Bonus auf die Neauauflage packen. Die Plattenfirma wollte aber ein ganzes Album daraus machen. Ich wollte das nicht, denn ich mochte die Songs zunächst nicht mehr. Es ist zwanzig Jahre her, ich habs einfach nicht mehr gefühlt. Es is als würde man sich alte Fotos von sich anschauen und sich wundern was für Klamotten man da getragen hat. Nach einigen Monaten habe ich mich aber dazu durchgerungen. Der wirkliche Wechsel kam aber als wir anfingen die Stücke live zu spielen. Die Texte bekamen plötzlich eine neue Bedeutung, viel merh als ich erwartet hatte. Es ist ziemlich merkwürdig.“

 War dieser Trip in die Vergangenheit auch der Grund, dass du nun mit Teilen der Originalbesetzung tourst?

„Ja, ich wollte die Jungs dabei haben. Leider hatten nur Johny [„Vatos“ Hernandez – Drums] und Peter [Atanasoff – Gitarre] Zeit. Johny war gerade mit OINGO BOINGO fertig [amerikanische New Wave Band, deren Sänger Danny Elfman unter anderem die Musik für Tim Burtons „Nightmare Before Christmas“ und „Batman“ komponiert hat] und sie beide hatten richtig Lust mit uns zu touren. Ich wollte natürlich alle Musiker, die auf „Tarantism“ zu hören sind dabei haben, aber das war unmöglich. Mein aktueller Drummer war natürlich ziemlich traurig, dass er nicht dabei sein konnte, aber da konnte man halt nichts machen. [lacht] Aber er hats schon verstanden.“

 Du komponierst ja nicht nur einfache Songs, sondern auch ganze Soundtracks für Filme. Gibt es für dich da einen Unterschied?

„Der einzige Unterschied, ist der Input der Produzenten, die etwas bestimmtes haben wollen. Der schwierige Teil beim Komponieren für Filme, ist der Moment an dem alles fertig ist und die Verantwortlichen innerhalb einer Sekunde alles abschmettern, weil es nicht das ist, was sie sich vorgestellt haben. Das ist wirklich schwierig, aber man gewöhnt sich dran. Ich habe in meiner Karriere bereits 57 Filme gemacht.“

 Als Komponist?

„Ja. Als Schauspieler waren es 52.“ 

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 Das ist ja auch nicht schlecht.

[lacht] „Jedenfalls – wenn man bereits fertige Songs hat, ist es anders. „After Dark“ oder „Strange Face of Love“ für „Desperado“ waren bereits fertig. Ich habe sie dem Regisseur angeboten und meinte, dass es funktionieren könnte. Und er hat dafür gesorgt, dass es funktioniert. Beide Songs waren mehr oder weniger zufällige Ideen. „After Dark“ war so ein Zufall. Roberto Rodriguez, Quentin Tarantino und ich waren gerade dabei die Musik für „Desperado“ abzumischen und ich spielte den Song in einer Kaffeepause. Roberto fragte mich was das sei und ich antworete: „Ach, nur ein Song, den ich mal in den 80ern geschrieben habe. Es geht um Vampire.“ Und er sagte: „Du machst Witze! Spiel es nochmal.“ Das tat ich und er filmte mich dabei, denn er trägt immer eine Kamera mit sich herum. In der gleichen Nacht rief er mich um zwei Uhr morgens an und meinte: „Wir packen dich und die Band in den Film! Es wird eine Szene mit einer Tänzerin und einer Schlange geben und der Song wird gepielt werden.“ Und so geschah es – ein Zufall.“

 Da du „After Dark“ schon selbst erwähnst: Nervt es dich nach all den Jahren manachmal, dass man euch immer und immer wieder mit diesem Lied und dem dazugehörigen Film in Verbindung bringt?

„Wäre ich 23 Jahre alt, wäre ich vielleicht tatsächlich genervt. Aber auch nur weil ich naiv und jung war. Wenn man älter wird, weiß man die Dinge zu schätzen und sie auf eine andere Art und Weise zu akzeptieren. Wäre das Lied mein einziges erfolgreiches gewesen, könnte es schon komisch sein.“

 Ist der Song überall auf der Welt so bekannt? Ich weiß, dass er im osteuropäischen Raum ein Dauerhit ist.

„Hier in Deutschland und in Russland oder der Ukraine kennen und lieben alle „After Dark“ und das schon seit Jahren. In Amerika, wo meine Karriere bereits Mitte der 70er angefangen hat und ich ganz viele Filme gemacht habe, kam alle zehn Jahre irgendein kultiger Film, der mich weiter gebracht hat. ’84 war es „Repoman“, in den späten 80ern „Roadhouse“ mit Patrick Swayze und dann kam ein Film, den der Sänger der TALKING HEADS geschrieben hatte. Dort sang ich ein Lied namens „Radiohead“. Später habe ich gelesen, dass sich die Band RADIOHEAD nach dieser Stelle benannt haben. Leute in Amerika kennen mich also von diversen Filmen. Hier in Europa schlug „From Dusk Till Dawn“ aber sehr heftig ein und daher werde ich hier viel mehr damit verbunden, als in Amerika. Vielleicht war ja die deutsche Übersetzung besser [lacht].“ 

© Musikmussmit - Corinna Sauer

Und schon ist unser intimes Intermezo mit Tito vorbei. Doch von Backstage geht es vor die Stage, um einen fantastischen Gig der Band zu genießen. Sichtlich gut gelaunt eröffnet man den Abend mit einem der „verlorenen“ Songs – „Back To Mexico“, der nahtlos zu den bekannteren Stücken übergeht. Heute kommt das Publikum nicht nur in den Genuß einer Menge neuer Stücke, sondern aufgrund der Location auch in den seltenen Genuß der Band sehr, sehr nahe zu sein. Das genießt man sichtlich auf beiden Seiten. Die Stimmung ist durchgehend top, die Band liefert eine ruhige und gefühlvolle Performance hin und Tito schwatzt zwischen den Songs auch gerne mal etwas länger und ausführlicher, erzählt Anekdoten aus der Vergangenheit und – lächelt pausenlos. Ein ganz besonderer Mann mit ganz besonderen Geschichten.


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