EIN VEEDEL ZUM WOHNEN UND WOHLFÜHLEN

Unglaublich, aber wahr: Im Jahr 1674 stand ein Besuch in Nippes noch unter Strafe. Der Grund dafür klingt fast noch verrückter: Der Kölner Stadtrat sorgte sich um das Wohl seiner Bürger, weil diese in Nippes in Exzesse zu verfallen drohten – denn dort gab es das in Köln verbotene untergärige Bier! An der Lust der Kölner zum Trinken hat sich in den vergangenen 330 Jahren nicht viel geändert. Ein Beispiel dafür ist die Nippes-Nacht, die 2007 bereits zum achten Mal stattgefunden hat und über 4 000 Besucher in die rund 35 teilnehmenden Bars, Kneipen und anderen Veranstaltungsorte lockte. Wirt William, der das legendäre Feez mitgegründet hat und heute den Nachfolger 4 Grad sowie die 1/4 Bar führt, bescheinigt dem Nippeser allerdings eine gewisse Trägheit. „Ich schätze, dass von den Besuchern der Nippes-Nacht nur etwa ein Viertel aus dem Stadtteil selbst kommt“, sagt William.

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Dabei haben die Nippeser Grund genug, ihre schönen Altbauwohnungen auch mal zu verlassen. Auf der Neusser Straße, dem „Herzen“ des Stadtteils, gibt es ein umfangreiches Angebot an Läden und Boutiquen. Das Gleiche gilt für den Gastrobereich, zu dem neben Klassikern wie Zum Kornbrenner und Em Golde Kappes auch Szeneläden wie Morio, Rosenrot und Froschkönig zählen. Außerdem hat Nippes das einzige Planetarium Kölns, das bis heute von ehemaligen Schülern des Gymnasiums Blücherstraße betrieben wird. Vor allem ist Nippes aber – im Gegensatz zum angrenzenden Ehrenfeld – ein ausgesprochen grüner Stadtteil mit vielen Bäumen, Grünflächen und Parkanlagen. Alhambra an der Inneren Kanalstraße, Nordpark, Johannes-Giesberts-Park sowie das Nippeser Tälchen ersetzen im Sommer für viele Anwohner den eigenen Garten.

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Der Name des Viertels wird oft missgedeutet. Denn er hat nichts mit geschmacklosen Staubfängern in uncoolen Wohnzimmern zu tun, sondern bedeutet im Niederrheinischen etwa soviel wie „Haus an einem Flussarm“ oder „Haus auf der Anhöhe“. Beides ergibt einen Sinn, da in der Römerzeit ein Rheinarm durch das Nippeser Tälchen floss. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil: Im Sommer spielen Groß und Klein Fußball, grillen oder liegen einfach nur im Gras, während nebenan im Altenberger Hof gegessen wird, die Boulekugeln klicken oder Sprachfetzen aus aller Herren Länder zu ihnen herüberwehen. Denn auch das ist Nippes: ein Schmelztiegel der Kulturen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an Ausländern, nämlich 19,6 Prozent von insgesamt 32 400 Menschen, die hier leben. Immer mehr Künstler und Musiker lassen sich in Nippes nieder, beispielsweise Alice Rose. Die dänische Musikerin wohnt in der Nordstraße und hat gerade ihr zweites Album „Mora With The Golden Gun“ veröffentlicht, mit dem sie im benachbarten Ausland bereits erfolgreich durchstartet.

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Ein anderer Künstler ist Thomas Baumgärtel, den man als Bananensprayer kennt. Weltweit hat er rund 4 000 Galerien, Museen und andere Kultureinrichtungen mit seiner gelben Banane „gewürdigt“. Im CAP Cologne auf dem Gelände der Clouth-Werke liegt sein lichtdurchflutetes Atelier. Eigentlich soll ein Investor hier bauen, doch noch dürfen die Künstler bleiben. Mit den zahlreichen Bars und Kneipen gibt es in Nippes auch ein bisschen Nachtleben zu vermelden, lediglich Clubs sucht man hier vergebens. Zum Tanzen fährt man „nach Köln“! Gerade das schätzt Marco Zimmermann an seinem Veedel. Der Macher des Ehrenfelder Sensor Clubs lebt im Kölner Norden,weil er hier in Ruhe seine Partys planen und entspannte Sonntage verbringen kann. Mittags stöbert man auf dem Flohmarkt am Wilhelmplatz herum, danach geht es ins Café Eichhörnchen oder in einen der vielen Parks. Oder man besucht ein Konzert in der Kulturkirche und trinkt anschließend im trendigen Kuen ein paar Kölsch. Fast wie vor über 300 Jahren – nur dass es heute nicht mehr verboten ist.
Damian Zimmermann