EIN VEEDEL IM UMBRUCH

Ein riesiger Kran, Gerüste, Absperrungen – wer heute am Chlodwigplatz aus der Bahn steigt, steht mitten auf der Großbaustelle. Rund um den Dreh- und Angelpunkt der Südstadt, den Kreisverkehr vor der Severinstorburg, macht sich Deutschlands größtes städtebauliches Projekt bemerkbar: die Arbeit an der neuen Nord- Süd-Stadtbahn. Das Fußvolk scheint sich an die Absperrungen und den ständigen Lärm gewöhnt zu haben. Routiniert schieben sich die zahlreichen Shopper an den Bauzäunen vorbei in Richtung Severinstraße. Dabei hatte vor allem diese urkölsche Gasse mit ihren Bäckereien, Fleischereien und kleinen Ladenlokalen zeitweise sehr unter den Verkehrsbehinderungen zu leiden, da sie durch die Buddelarbeiten nur noch schwer zugänglich war. Am Ende geriet sogar der Kirchturm von St. Johann Baptist durch unterirdische Bohrungen ins Wanken, was den Anwohnern einen mächtigen Schrecken einjagte.

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Doch insgesamt freut man sich im Veedel auf die bessere Verkehrsanbindung, die ab 2010 den Hauptbahnhof mit den südlichen Stadtteilen der Innenstadt verbindet: Vom Breslauer Platz wird die U-Bahnlinie über Rathaus, Heumarkt, Severinstraße und Chlodwigplatz bis zur Endhaltestelle in Raderberg verlaufen. Wer die Geschichte der Südstadt kennt, weiß, dass die Bewohner des Veedels schon ganz andere Veränderungen durchlebt haben. Vom Krieg weitgehend verschont, lebten in den fünfziger und sechziger Jahren ausschließlich ältere Menschen im Süden Kölns, da es an Kindergärten und Schulen mangelte. Erst mit Gründung der Kölner Fachhochschule im Jahr 1971 veränderte sich das Bild: Künstler und Studenten, darunter Kabarettist Jürgen Becker oder Bananenspayer Thomas Baumgärtel, eroberten das Veedel, welches damals wegen der niedrigen Mieten beliebt war.

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Der neuen Nachfrage entsprechend sprossen rund um den Chlodwigplatz Cafés, Restaurants, Galerien und Kulturstätten wie beispielsweise das Theater der Keller mit angeschlossener Schauspielschule aus dem Boden.Mittlerweile hat es sich als wichtige Ausbildungsstätte etabliert. Dazu kamen Alternative und politisch Aktive, die Häuser besetzten, um auf unfaire Entwicklungschancen in der Gesellschaft aufmerksam zu machen und gegen „Schickimicki-Sanierungen“ zu revoltieren. Selbst das Stollwerck, heute den meisten nur noch als Bürgerhaus und nicht als Schokoladenfabrik bekannt, wurde im Jahr 1980 von 600 Aktivisten okkupiert, die den Abriss des damals riesigen Gebäudekomplexes verhindern wollten. „Die Südstadt war schon immer ein heißes Pflaster für Querdenker. Das spürt man noch heute, bei Wahlen liegen die Grünen immer ganz weit vorn!“, sagt Andi Schulz, der – obwohl Wahlkölner – bestens über die Geschichte des Kölner Südens informiert ist. Er gehört zu einer Riege von Veranstaltern, die in der Südstadt viel Potenzial für die Umsetzung neuer Ideen sehen. Denn seit einiger Zeit ziehen wieder vermehrt Studenten, junge Familien oder Kulturinitiatoren hierher, so wie Iren Tonoian, Vorstandsmitglied des artrmx e.V., ein weltweit aktiver Kunstverein.

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Auch die Betreiber des Tsunami Club – Kathrin Müller und Torben Wesche – setzen auf den Vormarsch des Severinviertels. Mit ihrem Club wollen sie Kölns Süden mit Partys und Konzerten verschiedenster Stilrichtungen um eine gute Musikadresse bereichern. So bleibt das Veedel seinem Individualismus treu: Filialisten sind kaum zu finden, in den kleinen Gassen halten immer mehr kreative Geschäftsideen Einzug. Die Zeichen stehen aber auch weiterhin auf Veränderung: Zum einen, weil in drei Jahren die Bahnlinie fertig ist, zum anderen, weil der Rheinauhafen mit seinen Luxusdomizilen und Bürogebäuden, die zukünftig auch den Computerriesen Microsoft beherbergen, den Zuzug einer zahlungskräftigen Klientel rund um den Chlodwigplatz erahnen lässt. Bis dahin bleibt die Südstadt aber erst mal, was sie ist: eine bunte Mischung aus jungen Ideen, traditionsreichen Kneipen, übrig gebliebenen Alternativen und – Baulärm.
Melanie Erkens