EHRENFELD IM WANDEL

An Ehrenfeld kommt niemand vorbei: Kein anderer Stadtteil steht so weit oben auf der Liste der beliebtesten Wohnviertel, in keinem anderen Stadtteil passiert derzeit so viel. Vor ein paar Jahren sah das noch ganz anders aus. Damals galt es nicht gerade als schick und schon gar nicht als trendy, in das alte Arbeiterveedel mit dem hohen Anteil an Ausländern und Sozialhilfeempfängern zu ziehen. „Ehrenfeld war früher eher ein Geheimtipp“, meint Tutti, der vor vier Jahren „Die Küche“ in der Körnerstraße mitgegründet hat – eine Szenekneipe mit Küchenmobiliar aus verschiedenen Jahrzehnten. Doch dieser „Geheimtipp“ hat sich gewaltig gemausert. Fachleute sprechen von „Gentrifizierung“ oder auch „Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete“. Man kann aber auch sagen: Es ist das Gegenteil von Stadtplanung. Junge Leute, häufig Künstler, Kreative und Studenten mit wenig Geld, suchen sich als Pioniere Viertel mit eher geringer Wohnqualität und vor allem mit niedrigen Mieten, um sich dort niederzulassen. Es folgen Geschäfte und Szene-Kneipen, manche Künstler etablieren sich, Altbauten werden saniert, die Mieten steigen und Großinvestoren werden auf den Stadtteil aufmerksam. Das sieht auch Odo Rumpf so. Der Künstler ist vor zwei Jahren in die Hornstraße gezogen und hat dort sein „Odonien“ gegründet – eine Mischung aus Atelier, Skulpturengarten und Open-Air-Bühne für Partys und Bühnenveranstaltungen. „In den neunziger Jahren war in Ehrenfeld überall Platz für Künstler. Das ist heute nicht mehr so“, erinnert er sich und kann nur hoffen, dass sein gemietetes 6000-Quadratmeter- Grundstück, das lang gestreckt zwischen Bahntrasse und Europas größtem Puff liegt, nicht doch irgendwann Investoren anlockt, die ihn von dort vertreiben.

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Ganz bewusst nach Ehrenfeld gezogen ist auch Jan Westphalen. Der ist nach fünf Jahren als Friseur in Paris, Südfrankreich und auf zahlreichen Festivals zurück nach Köln gekommen. „Das kam für mich aber auch nur in Frage,weil ein Ladenlokal in der Nußbaumerstraße frei war“, sagt der Betreiber der etwas skurrilen Friseurmeisterei. „Ich habe einfach sehr positive Kindheitserinnerungen an diese Straße.“ Doch was macht Ehrenfeld so attraktiv, das plötzlich alle dorthin wollen? „Der Stadtteil ist international und kosmopolitisch“, sagt Stefan Bohne vom Artheater – ein freies Theater, in dem auch Partys,Konzerte und Lesungen stattfinden. „Außerdem gefällt mir die Durchmischung sehr gut, denn hier wohnen junge Familien, Migranten und Studenten zusammen mit Anwälten und Ärzten.“ Einen Zuwachs der beiden zuletzt genannten Berufsgruppen beobachtet auch Christopher Schwarz, Gesamtleiter vom Neptunbad – eine ehemalige städtische Badeanstalt im Jugendstil, die 2002 als Sport- und Wellness-Tempel wiedereröffnet wurde. „Auch die Venloer Straße verändert sich: Die Ein-Euro-Shops verschwinden langsam und es wird wieder hochwertiger“, sagt er. Das Gleiche gelte für den Neptunplatz, der sich mit Leben füllt und an dem Gastronomie und Geschäfte eröffnen. „Und das Ganze entwickelt sich erfreulich schnell“, meint Schwarz. Einen nicht ganz unerheblichen Teil der Entwicklung verdanken die Ehrenfelder wohl auch dem Underground – eine Kneipe mit Biergarten und zwei Konzertsälen, die schon vor 20 Jahren die Leute an die Vogelsanger Straße lockte, als noch niemand nach Ehrenfeld ziehen wollte. Andere Investoren waren möglicherweise sogar ihrer Zeit voraus – und mussten wieder schließen. So beispielsweise Europas erste zweigeschossige Driving-Range, in der man Golf-Abschläge üben konnte. Heute stehen auf dem Grundstück in der Philippstraße moderne Mehrfamilienhäuser, denn der Wohnraum zwischen Vogelsanger Straße und Autobahn, Innerer und Äußerer Kanalstraße ist begehrt. Ehrenfeld zählt mittlerweile zu den teuersten Stadtteilen. 8,80 Euro kostet die Kaltmiete pro Quadratmeter – selbst das Edel- Viertel Marienburg ist im Schnitt billiger. Und die Preise dürften weiter steigen.
Damian Zimmermann