Schemenhaft erinnere ich mich an ein Pärchen, das sich küssen will.Um mich herum Sponti-Sprüche an dreckigen Wänden, Schutt und Staub und abgewrackte Holztreppen.Was man als 18-Jähriger eben ganz cool finden kann, wenn man eine Liebe zum Punkrock teilt und ein Konzertbesuch auch mal zum Abenteuer werden darf. Dazu muss man gar nicht Hausbesetzer sein. An der Kölner Weißhausstraße aber waren die Häuser 1989 besetzt, nachdem das in den frühen achtziger Jahren als Alternativzentrum genutzte Stollwerck-Gelände in der Südstadt zum gemäßigten Bürgerzentrum umfunktioniert worden war. An jenem Abend im Autonomen Zentrum „Weißhaus“ spielten die linksradikalen Folk-Noise-Punks Dog Faced Hermans.

Und ich mittendrin, aufgewachsen im piefigen, rechtsrheinischen Merheim, reichlich unbefleckt. Ich suchte die Toiletten, und als ich mich diesem küssenden Pärchen nähere, wird die Silhouette schärfer. Ein Wuschelpunk und ein Irokesenschnitt verhaken sich ineinander – und gehören beide, wie ich erst von nahem erkenne, auf Jungsköpfe. Meiner ersten Verwunderung folgte eine innere Zustimmung, weil sich in diesem Biotop der Subkultur vor meinen Augen ein starkes Bild von Liebe und Freiheit formte. Ein Schlüsselmoment, der schlagartig meinen bis dahin eher pubertären Blick auf Homosexualität nachhaltig prägen sollte, und ein Bild, das mir bis heute hängenblieb. Mir wurde klar, was Subkultur überhaupt bedeuten kann. Vor allem in Köln.

Die Dog Faced Hermans spielten an dem Abend ein prima Konzert, imWeißhaus sah ich auch Napalm Death live und tanzte auf wilden Partys in einer „Location“, die heute höchstens mit dem Chaos in Odonien vergleichbar ist. In der Weißhausstraße 20 erinnert nichts mehr daran, wie es dort einmal aussah, bevor das Autonome Zentrum 1991 bereits Geschichte war und die einst besetzten Häuser wenig später für Filialen von Lidl und Real plattgemacht wurden. Schöner ist Köln an dieser Stelle jedenfalls nicht geworden. Auch andere besetzte Häuser gehören in unserer Stadt längst der Vergangenheit an, wir erinnern uns gut an das unrühmliche Ende vor drei Jahren im Barmer Viertel von Deutz. Ein Stadtteil, der in den vergangenen 20 Jahren einen deutlichen Wandel erlebt hat, hauptsächlich von wirtschaftlichem Denken geleitet.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie die Kölner Nordstadt umgestaltet wurde und welches existente Biotop hingegen zunichte gemacht wurde.Wo 1989 unter der Zoobrücke noch ein düsterer Weg zur alten Sporthalle führte, erstrahlt jetzt die neue Messe, und auf dem Kirmesplatz meiner Kindheit an der Gummersbacher Straße thronen längst Stadthaus und die Arena, als Nachfolgerin der Sporthalle. Dazwischen, in den alten Adenauer-Messehallen, wird in naher Zukunft RTL sein Programm gestalten, die 1989 übrigens gerade mal seit einem Jahr in Köln saßen und die Pläne für „Tutti Frutti“ erst noch schmiedeten. Und auch wenn ich meinen alten großen Kirmesplatz am Deutz- Kalker Bad vermisse, der so viel größer war als das heutige Areal am Rheinufer, muss ich zugeben, dass der Wandel um die Constantinhöfe gelungen ist: Schließlich sind hier die meisten Ecken ganz objektiv schöner geworden, und ohne diesen Wandel sähe Köln stellenweise weiterhin kriegsgeschädigt aus. Abgesehen von den jüngsten Klüngelskandalen bei der Kölnmesse und den Zugeständnissen der Stadt Köln an ihre Großinvestoren brachten die Neu- und Umbauten für Deutz doch einen städtebaulichen Gewinn mit sich.

Von Fehlplanung und Stagnation war die Umgestaltung der Kölner Nordstadt betroffen, die am Ende aber zu einer ebenso positiven Entwicklung geführt hat: Aus der Vision Mediapark ist mit der endgültigen Fertigstellung 2004 Wirklichkeit geworden. Was 1985 als Denkblase im Stadtrat begann, ein erstes Konzept zum Ausbau der Medienstadt Köln, um den Einbrüchen in Maschinenbau und Chemieindustrie zu begegnen ist mittlerweile in wirtschaftlicher Hinsicht gelebte Realität geworden. Aber auch in Sachen urbane Lebensqualität hat der Mediapark auf dem früheren Gelände des Güterbahnhofs Gereon seine Vorzüge, ich wohne ganz in der Nähe, und die Sommerabende dort lassen sich mittlerweile prächtig genießen.

Wer es lieber pompös und edel mag, wird sich im Gegensatz zu mir eher mit dem neuen Friesenplatz angefreundet haben. In der Gastronomie des 2001 fertiggestellten Gerling-Ring-Karrees treffen sich diejenigen, die gerne gesehen werden, aber ebenso gerne die Augen davor verschließen, dass die einst stark frequentierte Friesenstraße ihr ureigenes Milieu und damit viel an Attraktivität eingebüßt hat. Einigen selbst an lauen Sommerabenden eher spärlich besuchten Bars und Restaurants merkt man das an. Denn im Gegensatz zum Mediapark wurde hier ein vorher existentes Biotop zunichte gemacht. Natürlich ist ein Drink im Arkadia nach wie vor gemütlich, auch das La Bodega, Päffgen oder Jameson’s Pub haben weiterhin ihre Vorzüge, aber mit dem halbseidenen Nachtleben vor 20 Jahren hat das alles nichts mehr zu tun.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welches Ereignis im Dezember 1989 Köln veränderte.Die Liste der Kölner Orte, die einen solchen Wandel hinter sich haben, ließe sich lange fortsetzen. Andere stecken – mal mehr, mal weniger erfolgreich – mitten in diesem Wandel, wie ein ganz neu entstandenes Viertel, das schon im Februar 1990 auf sieben Seiten ein PRINZ-Thema unter der Überschrift „Jahrhundertprojekt Rheinauhafen“ war. Bisher liegt der größte Vorteil dieser zweiten Südstadt jedoch eher im ausbleibenden Autoverkehr: Am Wochenende lässt sich am Rhein – zumindest für Kölner Verhältnisse – erträgliche Luft schnappen. Der oft erstickende Verkehr dieser Stadt war übrigens bereits in der allerersten Kölner PRINZ-Ausgabe vom Dezember 1989 in der Diskussion: „Autos raus aus der City, Köln ohne Autos – geht das?“, wurde dort gefragt. Weniger Abgase in Köln, das wäre wirklich ein schöner Wunsch für die kommenden 20 Jahre. Und was passierte sonst in diesem Dezember 1989?

Rolf Zacher zog mit unserer Redaktion durch die Stadt, The Jesus And Mary Chain und Björks Sugarcubes spielten in der Stadthalle Mülheim, wo heute nur noch Esoterik- wie Erotikmessen stattfinden. Helge Schneider passte noch in den Stadtgarten, und eine Schlagzeile lautete „Der Ruf des Kölner Schauspiels ist ruiniert“ – ein Zustand, der erst vor zwei Jahren mit der Intendanz Karin Beiers beendet wurde. Und so ziehen weitere schemenhafte Erinnerungen durch meinen Kopf, so wie das schwule Pärchen im Weißhaus. Eine Szenerie, die heutzutage vielleicht jeder andere 18-Jährige in illegalen Locations ganz ähnlich erleben kann. In meiner Erinnerung fühlt sich das freilich weit spannender an als ein heutiger Besuch in Odonien, aber auch diese sich verändernde Sicht auf die Dinge gehört schließlich zum alltäglichen Wandel und ließe sich mit einem Wort umschreiben, das vor 20 Jahren noch benutzt wurde. Es hieß „Zeitgeist“.
Martin Steuer