Orlando Bloom fährt im Hybridauto zur Oscarverleihung, Natalie Portman entwirft vegane Schuhe ohne Leder oder Fell, und Leonardo DiCaprio plant eine TV-Serie namens „E-Topia“, in der eine neue Stadt umweltgerecht aufgebaut werden soll – es gibt kaum noch einen Filmstar, der seinen bewussten Lebensstil nicht öffentlich zur Schau trägt. Dass ein solcher Bewusstseinswandel eines Tages von Hollywood ausgehen würde, hätten alte Umweltaktivisten in Latzhosen wohl nie für möglich gehalten: weg vom gedankenlosen Konsum – hin zum bewussteren Umgang mit unseren schwindenden Ressourcen. Doch nicht nur Filmstars machen sich Sorgen um unseren Planeten. Rund um die Themen Ökologie, Gesundheit und Nachhaltigkeit hat sich eine neue Bewegung gruppiert: die Lohas, deren Name für „lifestyle of health and sustainability“ steht. Ihr Ziel: die Erde retten – und Spaß dabei haben. Mit der Umweltbewegung der Siebziger haben die Lohas deshalb nur wenig gemein. „Der Öko der ersten Stunde mit selbst gestrickten lila Socken in den Birkenstocks musste zwischen Konsum und Ökologie auswählen“, erklärt Jeanette Huber vom Zukunftsinstitut in Kelkheim bei Frankfurt, die sich bereits in mehreren Studien mit dem Thema Lohas beschäftigt hat. „Entschied er sich für grün, saß er fröstelnd im Nullenergiehaus und kaute auf trockenen Dinkelbrötchen. Die Neo-Grünen machen Schluss mit dieser Verzichtsethik. Sie wollen beides: Konsum und Ökologie.“

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Lohas tragen Mode, die sowohl fair produziert als auch modern ist. Sie kaufen im Bio-Supermarkt ein,weil es besser für ihre Gesundheit ist und sie damit zugleich Unternehmen boykottieren, die Arbeitsplätze und natürliche Ressourcen vernichten. Ihr Handeln basiert auf einem gesunden Egoismus, ist nicht dogmatisch und deshalb auch nicht immer hundertprozentig ökologisch korrekt. „Lohas dürfen sich auch Fehltritte erlauben. Sie sagen nicht, Fliegen sei generell schlecht, sondern fordern: keine Flüge unter 500 Kilometer, wie etwa die britische Organisation Plane Stupid. Sie wollen nicht darüber reden, was alles verboten ist, sondern was nützt“, sagt Jeanette Huber. Die Lehre ist simpel: Wenn man erst mal etwas hat, will man nicht mehr ohne es leben. Die Idee der Lohas basiert deshalb darauf, Rohstoffe effizienter zu nutzen: eine Jeans zu kaufen, für deren Herstellung nicht 40 000 Liter Wasser verschwendet wurden, Energiesparlampen zu verwenden und im Supermarkt mit einer Baumwolltasche einzukaufen, auf der steht: „I am not a plastic bag“. Schließlich ist den Neo-Ökos eines bewusst: Hätte die ganze Welt den gleichen Lebensstandard wie wir, bräuchte man die Ressourcen von drei bis vier Planeten. „Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass der Klimawandel Millionen Menschen in ihrer Existenz bedroht und auch richtig Geld kostet. 25 Prozent der Deutschen sehen deshalb im Umweltschutz unsere wichtigste Aufgabe“, so Jeanette Huber. Der Wertewandel ist in vollem Gang und sorgt dafür, dass Stars wie Victoria und David Beckham öffentlich geächtet werden, weil ihre jährliche CO2-Emission dank eigenem Privatjet und 15 Autos bei 163 Tonnen liegt.

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Zum Vergleich: Ein Amerikaner produziert im Schnitt 20 Tonnen CO2 im Jahr, ein Deutscher zehn Tonnen und ein Inder eine Tonne. „Wer das Klima schützen will,muss seine CO2-Emissionen auf zwei Tonnen pro Jahr reduzieren“, sagt Karsten Schmid, Klimaexperte bei Greenpeace, und rechnet vor: Allein der Urlaubsflug nach Teneriffa und zurück ist so umweltschädlich wie ein Jahr Autofahren. „Man sollte aber nicht nur versuchen, selbst Energie zu sparen, sondern auch äußere Umstände zu ändern. Das heißt: bei der nächsten Demo gegen das Kohlekraftwerk mitmachen.“ Doch auf politisches Engagement verzichten die Lohas. „Mein Protest funktioniert allein über den Konsum“, erklärt Christoph Harrach, Gründer des Internetblogs Karma Konsum und bekennender Lohas-Anhänger. Er trägt Eco- Fashion, kauft Gemüse nach dem Saisonkalender und fliegt nicht mehr mit dem Flugzeug in den Urlaub. So hat er seine persönliche jährliche CO2-Emission bereits auf sechs Tonnen pro Jahr reduzieren können. Immer mehr Menschen entdecken den bewussten Lebensstil für sich. Ende Mai wird sich sogar eine Tagung der neuen Öko-Bewegung widmen. Im Fokus der zweiten „Lohas-Konferenz“ in Frankfurt, die Christoph Harrach mit ins Leben gerufen hat, steht das Thema „Die neuen Ökos revolutionieren den Markt“. Eine Revolution, an der auch das Social-Fashion-Label Armed Angels von Anton Jurina und Martin Höfeler aus Köln beteiligt ist. Ihre T-Shirts, Jacken und Sweatshirts werden aus indischer Bio-Baumwolle zu fairen Löhnen in Portugal gefertigt. Das Design liefern junge Graffitikünstler und Grafikdesigner aus aller Welt. Eine gelungene Verbindung von Style und sozialem Engagement, das den beiden ehemaligen BWL-Studenten nicht nur den Gründerpreis der „Wirtschaftswoche“ einbrachte, sondern auch prominente Fans wie Rapper Thomas D. oder Schauspieler Jürgen Vogel.

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„Das Produkt muss zuerst modisch überzeugen, erst dann sind für Käufer ethische Aspekte interessant“, sagt Anton Jurina. „Wir wollen beweisen, dass Ökomode abseits von Sandalen und Batik- Shirts funktioniert.“ Öko und Fast Food versöhnen, das will die Kette „Gorilla Natürlich“ von Matthias Rischau und Dr. Jens Bäumer aus Berlin. Die Zutaten in den fünf vegetarischen Schnellrestaurant- Filialen stammen meist aus regionalem Anbau und sind zu 100 Prozent Bio. „Wir wollen den Natursnacks ihre Lobby wiedergeben“, erklärt Matthias Rischau. Denn: „Bio macht einen glücklicher als eine Tüte konventionelle Chips.“ Das beweisen die Reaktionen seiner Gäste. „Die Büroangestellten, die in der Mittagspause zu uns kommen, sagen immer wieder, dass sie viel mehr Energie für die Arbeit haben, nachdem sie bei uns gegessen haben. Gorillas essen schließlich auch nur Blätter und sind trotzdem die stärksten Tiere im Urwald.“ Das Credo des Restaurants „Tu dir selbst und gleichzeitig anderen etwas Gutes“ passt perfekt in die Lebenswelt der Lohas. Doch nur wenige Unternehmen arbeiten nach diesem Prinzip. Eine Tatsache, auf die das Projekt „Konsum Global“ des Jugendumweltnetzwerks Janun in Hannover mit Stadtführungen zum Thema „Nachhaltiger Konsum“ aufmerksam machen will. Vor Ort erfahren die Teilnehmer an konkreten Beispielen, wie unser Einkaufsverhalten mit sozialen Missständen in anderen Ländern zusammenhängt. „Damit wir ein T-Shirt für 5 Euro kaufen können, arbeitet eine Näherin in Indien zum Hungerlohn von 50 Euro im Monat“, erklärt Organisator Jochen Dallmer. „Deutschland hat den höchsten Kleidungsverbrauch weltweit. 40 bis 50 neue Kleidungsstücke kaufen wir durchschnittlich pro Jahr. Bis eine Jeans im Regal liegt, hat sie im Schnitt 30 000 Kilometer zurückgelegt und wurde mit bis zu 7000 Chemikalien behandelt.“ Wer denkt schon an diese Verschwendung von Energien und Ressourcen beim Shoppingbummel? Auch ein Grund, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Lohas sind keine Modeerscheinung, da ist sich Zukunftsforscherin Jeanette Huber sicher: „Die Green Economy ist keine Blase wie die New Economy, weil sie auf einem Grundbedürfnis der Menschen beruht: gesundes Leben auf einer sicheren Erde, die nicht in ihrer Existenz bedroht ist.“ Anfangen kann jeder sofort – spätestens beim nächsten Einkauf.
Aileen Tiedemann