Verqueerte Welt: Pünktlich zur Veröffentlichung ihres dritten Albums „Born This Way“ wird die laut „Forbes“-Magazin siebtmächtigste Frau der Welt endlich von fast allen geliebt. Es war nur wenige Wochen her, da überrollte Lady Gaga mit ihrer gleichnamigen Single die letzten Zweifler. Mit ihrer unverblümt in der High-Energy-Tradition von Madonnas „Express Yourself“ stehenden Gender-Selbstermächtigungshymne „Born This Way“ surfte sie perfekt auf der angesagten queeren Welle, die hier und da selbst Heteros für die Dauer eines Tanzes zu enthemmten Metrosexuellen umkrempelt.

Und pünktlich zu Ostern veröffentlichte die 1986 unter dem italienischen Namen Stefani Joanne Angelina Germanotta geborene Gaga mit „Judas“ den nächsten katholischen Streich. An der Grenze zur Blasphemie singt sie: Ihre Liebe zu Judas müsse ihr nicht vergeben werden, schließlich lebe sie nur aus, was in der Zukunft gang und gäbe sein werde. Im Video tritt sie, natürlich, als Maria Magdalena auf. Beide Singles stellen Lady Gagas analytische Fähigkeiten deutlicher zur Schau als jeder ihrer Songs zuvor.

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Die Themen und Terrains, die Tracks wie „Scheiße“ oder „Black Jesus†Amen Fashion“ auf „Born This Way“ abstecken, versprechen in diesem Sinn vieles. Denn schon seit einiger Zeit fällt sie in Interviews mit einerseits präzisen, andererseits ans Dadaistische grenzenden Aussagen wohltuend auf. So kann man diese doppelte Vorhut zur Albumveröffentlichung als Weltformel à la Gaga lesen: Es geht, so die klare Botschaft, um nichts weniger als „alles“.

Nun bleibt anzumerken, dass es noch nie leicht war, weder für Performer, noch für Publikum, wenn es mit einem Mal „um alles“ ging: Lady Gaga scheint vom warmen Rückenwind des Erfolgs berauscht. Je länger dieser anhält, desto mehr schenkt sie ihren eigenen Weltverbesserungs-Messages selbst wirklich Glauben. Tatsächlich hält sie sich mittlerweile für die Botschafterin der universalen Liebe, die sich gegen gesellschaftliche und kirchliche Drangsalierungen lautstark wehrt.

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Von der Selbstüberschätzung zur Nervensäge ist es da nur noch ein kleiner Schritt. Schon jetzt weisen die Arrangements ihrer neuen Songs Auflösungserscheinungen auf. Was sich auf Zitatebene zu geilen Sammelsurien fügt, zersplittert in der Performance. Interessanterweise verkehrt sich somit die Karriere Lady Gagas derzeit ins Gegenteil dessen, was sie uns zu Glauben vormacht:

Nachdem sie zuletzt jene bekehrte, die zur Veröffentlichung ihrer grandiosen Alben „The Fame“ und „The Fame Monster“ noch naserümpfend von Oberflächlichkeit, Belästigung und Maskerade sprachen, droht sie heute jene treuen Seelen zu verlieren, die in Lady Gaga die letzte Bastion eines absurden Humors gesehen haben. Humor aber, das wissen auch die armen Sünderlein, steht und fällt mit seiner Berechenbarkeit.