STADTTEILCHECK: SÜDVORSTADT & CONNEWITZ

PRINZ Tweet

„Das soll ein Hotel sein?“ Max blickt mich erstaunt an. Aber Max ist ja auch ein Freund aus München, der bald nach Leipzig ziehen wird und dem ich heute „a g’scheites Viertel“ zeigen soll. Die Verabredung zum Frühstück im Hotel Seeblick schien mir da einen gelungenen Start für unsere Tour durch den Süden der Stadt zu versprechen. Doch fast wäre daraus nichts geworden, denn nach üppig Rührei und zwei Kaffees hat mein bajuwarischer Freund sein Urteil bereits gefällt: „Hier könnt ich glatt einziehen.“ Nix da, auf geht’s: Erst mal auf den Fockeberg, um einen Überblick zu erhalten – für ihn über die Stadt, für mich über das Beziehungskarussell im Kiez. Denn jeder, der frisch getrennt, neu verliebt oder gerade mit Nachwuchs gesegnet ist, trottet allein, zu zweit oder en gros die Serpentinen zu Leipzigs höchstem „Berg“ hinauf.

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

Während ich wie gewohnt die Namen der Babys in den vielen Kinderwagen verwechsle, lässt sich Max in ungewohnter Offenheit zu einem „Ja, sakra!“ hinreißen. Was übersetzt soviel bedeuten soll wie: Überall Wald, die City ist nah und ringsum so schöne alte Häuser! Auf dem Rückweg entlang der August-Bebel- Straße beschleicht ihn angesichts der prachtvoll sanierten Gründerzeitfassaden dann doch das Gefühl, dass diese Gegend wohl eher was für „Großkopferte“ sei. Lautes Techno- Gedröhn aus weit aufgerissenen Fenstern beweist das Gegenteil: Unzählige Studenten- WGs haben ganze Häuserzeilen in der Südvorstadt erobert. Kein Wunder, sind doch Uni, HGB, Deutsche Bücherei und HTWK mit Fahrrad oder Straßenbahn bequem zu erreichen.

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

So herrscht auf der KarLi immer Hochbetrieb. Eine Stunde auf einem der Freisitze am Südplatz verbracht, erspart mindestens zehn Telefonate, denn früher oder später kommen alle hier vorbei.Und irgendwie scheint tatsächlich jeder jeden zu kennen, überall wird locker miteinander geschwatzt – über die letzte Party in der Distillery, das nächste Konzert im Conne Island oder über Stretchcat, den neuesten Laden für ausgefallene Dinge, die keiner braucht und jeder haben will. Überhaupt lässt sich links und rechts der KarLi alles finden, was das Leben so richtig angenehm macht: Vom Discounter bis zum Feinkostladen, vom Trendfriseur bis zum Plattenladen – entspannter lässt sich kaum Geld ausgeben. „Ja mei, wenn man’s hat! Wie sieht’s denn mit Studentenjobs aus?“ will Max wissen. Nun, auch das läuft hier über Mundpropaganda. Aber eines der unzähligen Lokale hat eigentlich immer einen Posten frei und mit etwas Glück kommt man auch als Statist in der Media City oder beim MDR unter.

Weiter geht’s auf der nächsten Seite.

Das neue Sendezentrum auf dem alten Schlachthofgelände gab den Startschuss für die Entwicklung des gesamten Gebietes, wo nun auch immer mehr junge Familien und Selbstständige hinziehen. Vorbei an frisch sanierten Lofts erreichen wir den Prager Frühling und damit einen weiteren Höhepunkt Max’scher Verzückung: „A Biergarten habt’s ja auch!“ Heute kehren wir aber bei Frau Krause ein, der urigsten Eckkneipe weit und breit mit deftiger Hausmannskost zu kleinen Preisen und bunt gemixtem Publikum. Typisch Connewitz: An jedem Tisch sitzt auch ein Hund. Satt und zufrieden stehen wir danach am Connewitzer Kreuz, an dem sich alle über den Weg laufen, die ins Werk II, Ilses Erika oder Conne Island wollen. Ob Konzerte oder Partys – irgendwas ist in Connewitz immer los. Und wenn nicht, lässt man sich etwas einfallen. An Ideen hat es hier noch nie gemangelt. Doch Max muss ja morgen zurück nach München, deshalb entscheiden wir uns für einen Absacker im Puschkin- Ableger Chillum. Zwei Drinks später überlege ich, was ich ihm noch alles hätte zeigen können: Das Panometer zum Beispiel. Oder das UT Connewitz, ein Kino aus dem Jahre 1912. Und natürlich die naTo und und und – alles Dinge, die das Lebens in diesem Viertel so angenehm machen. Plötzlich hat mein bayrischer Freund die Idee: „I könnt ja noch zwei, drei Tage bleiben, oder? Und mich schon mal nach einer Wohnung hier umschauen?“ Passt schon,Max.Willkommen in deiner neuen Heimat!
Rainer Wilde