STADTTEILCHECK: CITY

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‚Ich will nur mal schnell nach einer Hose schauen‘, denke ich, während ich in der Straßenbahn stehe, die mich an diesem Samstag zum Wilhelm-Leuschner- Platz bringt,‚und vielleicht noch nach ein Paar Schuhen oder einer Tasche oder einem Shirt oder zwei …?‘ Auf meinem rituellen Weg in das Einkaufsgetümmel muss ich zunächst an der Baustelle für den City-Tunnel vorbei, die meine Blicke durch bunt bemalte Holzwände vom Baugeschehen fernhält. Ich stehe am Anfang der Petersstraße und beginne zu ahnen, dass aus meinem „nur-mal-schnell“-Vorsatz nichts wird. Denn was ich sehe, sind Menschen, unendlich viele, wie mir scheint: Groß- und Kleinfamilien, die nebeneinander laufen, schlendernde Pärchen und mit Einkaufstüten beladene Extremshopper. Es ist eben Samstag.

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Also passe ich meine Geschwindigkeit dem allgemeinen Unterschritttempo an und habe dadurch Zeit, die Auslagen in den Schaufenstern links und rechts zu betrachten. Um meinem eigentlichen Ziel näher zu kommen, beschließe ich, mich in der Mädler-Passage umzusehen. Diese Passage ist der wohl bekannteste Anlaufpunkt touristischer Reisegruppen. Verständlicherweise, denn hier befindet sich nicht nur der berühmte, bereits von Johann Wolfgang von Goethe im „Faust“ verewigte Auerbachs Keller, sondern auch eine historische Architektur. Und weil die Wahrscheinlichkeit, in der Innenstadt jemand Bekanntem zu begegnen, recht hoch ist, treffe ich eine Freundin vor dem Bazar Royal, der schon allein der Einrichtung wegen einen Besuch wert ist. Während ich noch denke, ‚da hätten wir uns auch zum gemeinsamen Shoppen verabreden können‘, spricht sie es aus und ich schlage mir das zielstrebige Läden-Abklappern nun endgültig aus dem Kopf.

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Nach einem ausgiebigen Streifzug durch das Bazar-Angebot verlassen wir die Mädler-Passage in Richtung Grimmaische Straße. Dabei müssen wir an kichernden Touristen vorbei und gut erzogen warten, bis das Beweisfoto geschossen ist. Denn wenn der soeben fotografierte Herr im nächsten Monat einen Lottogewinn abräumt, dann lag das ganz gewiss daran, dass er hier am Eingang zum Auerbachs Keller der Fauststatue den Schuh gerieben hat. Das soll ja bekanntlich Glück bringen. Draußen lauschen wir ein wenig den klassischen Klängen der Straßenmusikanten, die unter dem Arkadengewölbe des Alten Rathauses spielen, als mich ein plötzliches Hungergefühl überkommt. Meine Freundin hat keine Einwände und wir überlegen angestrengt: Schnell ein paar Pommes an der Imbissbude am Markt? Oder ganz extravagant mit Blick auf die Dächer der Stadt im Restaurant Panorama Tower? Aber insgeheim wissen wir beide schon, wohin uns der Appetit führt … Wir lassen uns also den obligatorischen und nach wie vor sehr leckeren Blumenkohlauflauf im Spizz schmecken und Laura, so heißt meine Begleiterin, erzählt von einer Party, die heute Abend in der Buddha Art Gallery steigt. „Wir könnten vorher noch einen Cocktail in der Leipzigbar trinken. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht“, sagt sie und sieht mich fragend an.

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Leider muss ich sie enttäuschen, denn ich habe bereits eine Karte für ein Konzert in der Moritzbastei. Aber wir lassen uns davon die Stimmung nicht trüben und machen uns mit vollem Magen auf, die Nikolaistraße unsicher zu machen. Zuvor geht es noch ins Studio Deluxe und zu Tayler, denn der heimische Kleiderschrank erscheint, aus der Ferne betrachtet, nun gnadenlos leer. Einige Anproben später landen wir schließlich auf der Nikolaistraße. Laura möchte zu Mellory, aber ich bin nicht mehr Herrin meiner Sinne: Bei Freezone sehe ich ein Paar Schuhe stehen, die unbedingt an meine Füße gehören. Und ich finde es toll, mich gemütlich auf die Bank zu setzen, während die junge Verkäuferin ins Nachbargeschäft geht, um für mich die richtige Größe zu holen. Diese Schuhe sind mein, das wusste ich gleich.Also bringe ich das Anprobier- und Lauf- Ritual schnell über die Bühne und verlasse das Geschäft mit einer Tüte. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof sehen wir uns abgekämpft, aber glücklich an und wissen, dass wir die Geschäfte dort für heute in Ruhe lassen. Zufrieden sitze ich in der Straßenbahn und denke: ,Die Innenstadt an einem Tag? Unmöglich!‘ Susanne Thiele