„Weißt Du, ich muss erst noch zum Friseur und später arbeiten, also treffen wir uns am besten…“ „In der Gottschedstraße. Klar!“ Wenn ich mich mit meiner Freundin Katharina verabrede, dann landen wir meistens in der Straße, wo sich ein außergewöhnliches Café ans nächste reiht, wo Kneipen und Restaurants leckere Drinks und kulinarische Spezialitäten offerieren, wo ihr Friseur ist und ihre Arbeitsstelle. Heute haben wir uns für ein Frühstück in der Luise entschieden. Wäre der verabredete Tag ein Sonntag gewesen, wären wir natürlich ins Barcelona zum Brunch gegangen. Dieser ist an geschmacklicher Brillanz und erlesener Vielfalt unübertroffen und bedarf so viel Mühe, dass diejenigen, die ihn vorbereiten, bereits nachts um drei damit beginnen, damit er am Sonntagmorgen in ganzer Köstlichkeit angerichtet ist. Unser an einem der großen Fenster gewählter Tisch in der Luise schimmert in der Sonne und während ich schon an einem extra großen Milchkaffee schlürfe, stolpert Katharina herein, die mit ihrem neuen Götz Ponater Styling einfach umwerfend aussieht. „Hast Du heute noch was Besonderes vor?“ frage ich. „Ja, heute ist die Premiere des Stücks, in dem ich spiele. Mensch, hast Du das vergessen?! Ich hab Dir doch schon vor zwei Wochen auf Deinen Wunsch zwei Premierenkarten besorgt.“ „Das ist heute?“ „Ja, drüben in der Neuen Szene.“ Die Bühnen des Leipziger Schauspielhauses sind alle an der Gottschedstraße gelegen. Das und die Nähe zur Hochschule für Musik und Theater brachten dem Carrée den Beinamen Schauspielviertel ein. Schnell sind ein schwedisches und ein Vitalfrühstück bestellt und das Geschnatter kann beginnen. Katharina ist ziemlich aufgeregt. Da klingelt mein Telefon. Meine Mutti ist dran. Sie möchte unbedingt ihre Mittagspause mit mir verbringen. „Gehen wir doch ins Sol Y Mar!“ schlage ich vor. Zwei Stunden später, Katharina ist schnell zur letzten Probe verschwunden, haben meine Mutti und ich eine gemütliche, mehr oder weniger liegende Haltung im balinesischen Ambiente des Sol Y Mar eingenommen.

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Während ich, noch gesättigt, nur etwas trinke, bestellt meine Mutter aus den sieben Komponenten des Business Lunch drei und bekommt ein feines Menü für nur sieben Euro serviert. Ihre Eile hat einen Grund: Meine Mutter hat sich einfallen lassen, dass sie jetzt unbedingteinen Laptop kaufen möchte, weil ihr alter Computer ausgedient hat. Nach dem Essen schicke ich sie einfach ein paar Meter die Straße runter und empfehle ihr, sich in der Notebook Station beraten zu lassen. Fröhlich verschwindet sie in die Richtung. Ich nehme mir vor, mich zu sputen. Doch als ich am Chocolate vorbeilaufe, packen die Jungs der Band Max Express gerade ihre Instrumente aus. Richtig, heute ist Mittwoch, da spielen sie Livemusik im Chocolate.“Komm doch vorbei!“ „Ja, vielleicht später…“ Endlich an meinem Fahrrad angekommen merke ich, dass es einen Platten hat.Mist! Darauf kann ich wirklich nicht verzichten. Naja, zum Glück gibt es hier ja auch Radsport Wittwer.Mit einem neuen Schlauch ausgestattet, möchte ich mich endlich auf den Heimweg machen, da spricht mich ein Fremder an. „Sorry Miss…“ „Ja?“ „Could you… Können Sie erklären mir, warum die Stühle?“ Ach ja, die Stühle. Sie erinnern, wie ich finde, auf unaufdringliche, aber berührende Weise an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Früher stand an dieser Stelle eine Synagoge und die Gottschedstraße war Zentrum jüdischen Lebens. Über das Gespräch habe ich komplett die Zeit vergessen. Ich muss rüber in die Neue Szene, wo ich mit Christian zur Theaterpremiere verabredet bin. Wie ich uns kenne, feiern wir danach mit Katharina im Chocolate zum Max Express Sound.Und wenn dann noch eine Party im Nightfever oder im Kosmospolitan ist, werden wir es uns nicht nehmen lassen, den dortigen Tanzflächen einen kleinen Besuch abzustatten. Und dann könnten wir eigentlich auch schon wieder frühstücken gehen – das ist eben die Gottschedstraße, der Ort in Leipzig, wo die Stadt niemals schläft.
Maren Probst