STADTTEILCHECK: SCHLEUSSIG & PLAGWITZ

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Meine Fingerspitzen streifen die Wasseroberfläche und Sarah und Nils kichern, während sie ungeschickt versuchen, unser himmelblaues Ruderboot aus der Uferböschung zurück auf den Karl-Heine-Kanal zu navigieren. Das Unterfangen gelingt natürlich und wir biegen auf die Weiße Elster ein. An uns ziehen die atemberaubenden Ziegelfassaden von Industriepalästen wie den ehemaligen Buntgarnwerken ebenso vorbei wie beschauliche Wohnhäuser und Villen. Die Sonne scheint und unsere einzige Sorge ist die Frage, wo wir am besten anlegen, um einen Kaffee zu trinken. Vielleicht am Stelzenhaus, da könnten wir gleich noch eine kleine Köstlichkeit aus der fantastischen Küche zu uns nehmen… So fühlt sich Urlaub an. Dabei haben wir uns keinen Meter aus Leipzig weg bewegt. Aber wir sind in Schleußig und Plagwitz unterwegs, dem Klein-Venedig der Stadt. Es scheint, als legten die Leute hier gern mal ganz bewusst die Uhren ab, um all die Reize der von Wasser umgebenen und durchdrungenen Stadtteile in aller Ruhe auskosten zu können. Wer sich nicht so gern selbst zum Wassersport per Kanu oder Boot bewegen lässt, der kehrt beispielsweise im Da Vito ein, wo er nicht nur italienische Spezialitäten, sondern auch eine klassische Gondelfahrt durch die Kanäle bestellen kann. Die Gondoliere haben dann auch die ein oder andere interessante Geschichte zu erzählen. Die von der Könneritzbrücke zum Beispiel. Hier drehten Die Fantastischen Vier damals ihr „Die da“-Video. Sarah bemerkt, dass auch die Küchensiebe ihrer Mutter darin auftauchen, die als Kostümbildnerin des Videos damals alle kreativen Register zog. Der Tag ist jung und nachdem wir das Boot am Bootsverleih Klingerweg wieder abgegeben haben, steigen wir auf unsere Fahrräder um, denn auch die sind ideal, um sich in Plagwitz und Schleußig fortzubewegen. Schließlich sind die Stadtteile auch direkt am Clara-Zetkin-Park und am Auenwald gelegen. Ich habe schon wieder Hunger und so entscheiden wir uns, im Park ein kleines Picknick zu machen. Im Wrappness kaufen wir uns köstliche Wraps und fahren auf dem Weg auch noch einmal im Anna’s vorbei, um zwei, mit selbstgemachten Aufstrichen und leckeren Zutaten aus ökologischem Anbau belegte, Sandwiche mitzunehmen. Getränke kaufen wir in der Speisekammer, denn hier bekommen wir nicht nur Hollunder-Bionade, sondern auch eine gute Flasche Wein und zum Dessert Knusperflocken und Disko-Kekse aus Tschechien.

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Keine Frage, heute lassen wir es uns gut gehen. Dass Schleußig und Plagwitz dafür die richtigen Orte sind, haben nicht nur wir bemerkt. In den letzten Jahren hat sich in den Stadtteilen Einiges getan. Wohnhäuser wurden saniert, die Infrastruktur entwickelte sich und mehr und mehr Menschen fanden, dass es sich hier einfach wunderbar leben lässt. Im Gegensatz zur modernen szenigen Südvorstadt hat hier aber alles einen eher verträumten, alternativen Charme behalten. In Schleußig und Plagwitz wohnen viele Familien mit Kindern, Hippies schlendern hier ebenso die Straße entlang wie in den neu ausgebauten Loffts wohnende Geschäftsmänner. Seit die neue Leipziger Schule vom internationalen Kunstmarkt entdeckt wurde, haben sich auf dem Gelände der Alten Spinnerei zahlreiche Galerien und Ateliers angesiedelt und so kann man an einem Ort einen tiefen Einblick in das Kunstgeschehen Leipzigs bekommen. Ganz in der Nähe kann man im Generator Radsport hochwertige selbst entwickelte und selbst gebaute Fahrräder kaufen. Abends lohnt sich ein Abstecher ins Victor Jara, ins Superkronik, in die Schaubühne Lindenfels oder ins Noch Besser Leben. Irgendwie ist es typisch für die Gegend, dass hier nicht ausschließlich verschiedenste Partys und Konzerte stattfinden, sondern gleichzeitig auch Kultur und Kunst gemacht wird. Doch bevor die Party steigt, schauen Sarah, Nils und ich noch einmal zum Shoppen im Tokyo Joe vorbei oder lassen uns im edlen DC Leipzig von Silke E. Georgi und ihrem Team stylen, oder, oder, oder … Naja, in Schleußig und Plagwitz sind uns noch nie die Ideen ausgegangen.
Maren Probst