STADTTEILCCHECK: LEIPZIG OST/REUDNITZ

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Die Gegend zwischen Hauptbahnhof und Probstheida, Bayrischem Platz und Eisenbahnstraße hat schon viele kommen und gehen sehen. Hier schrieben Napoleon und Blücher mit der Leipziger Völkerschlacht Weltgeschichte. Später schrieben Verleger wie Brockhaus und Meyer hier ihre berühmten Lexika. Dann kam lange Zeit nichts – und irgendwann schien der ganze Osten der Stadt abgeschrieben zu sein. Doch inzwischen ist es unübersehbar: Der Osten boomt! Zeit für eine kleine Rundfahrt. „Vor zehn Jahren war die Deutsche Bücherei das einzige Haus am Platz. Damals hat es sich überhaupt nicht gelohnt, hier lang zu kommen, da war mir der Sprit zu schade dafür.“ Taxifahrer sind besser als jedes Meinungsforschungsinstitut, denn ihre Meinung braucht man nicht erst erforschen. Die bekommt man bei jeder Tour gratis dazu. Zum Beispiel diese: „Und heute sieht’s hier schicker aus als in Westdeutschland. Diese ganzen neuen Institute und die Bio-City, das muss doch einen Haufen Geld gekostet haben. Hoffentlich kommt da auch was bei raus, Super-Öko-Sprit oder so.“ Zumindest entstehen auf diese Weise hochinteressante Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung. Während das Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie kurz vor seiner Fertigstellung steht, wird nebenan bereits die Erweiterung der Bio-City geplant, die für Start-up-Unternehmen ideale Bedingungen bietet. „Nur fahren die leider nicht im Taxi zur Arbeit. Da ist drüben auf der Alten Messe schon mehr los.“ Kann man wohl sagen: In die ehemaligen Messehallen ist neues Leben eingekehrt. In knalligem Orange präsentiert sich Kontinentaleuropas größte Soccer-Arena und zieht das ganze Jahr hindurch die Freizeitkicker an. Eine Halle weiter kämpfen die Blue Lions in der Eishockey-Oberliga Nord um den Aufstieg. Sollte er gelingen, wäre die dann fällige Party wohl gigantisch. Zumal man sich auch mit Feiern auf der Alten Messe bestens auskennt. Ob Marusha oder Ü30-Party – der Volkspalast macht seinem Namen alle Ehre und unter der Donnerkuppel die Nacht zum Tag. Besonderes Highlight im Sommer ist natürlich das La Playa, vielleicht Leipzigs bester Stadtstrand. „Da sitzen die dann schön mit ihren Cocktails am Pool und du sitzt mit kaltem Kaffee im Taxi und wartest, bis sie endlich ausgefeiert haben. Und dann sagen sie: Bitte in den Täubchenweg!“ Tja, Leipzig ist nun mal die Stadt der kurzen Wege. Und seitdem immer mehr Altbauten saniert werden, ist auch Wohnen im Osten wieder in. Gerade bei Studenten, denn hier sind die Mieten noch günstig und die Universität liegt quasi vor der Haustür, was besonders angehende Mediziner zu schätzen wissen. „Ja, die fahren mit ihren Rädern zu dritt nebeneinander her, wenn ich Fahrgäste ins Klinikviertel kutschiere. Ist denen scheinbar egal, ob sie als Arzt oder Patient ins Krankenhaus kommen.“ Zum Glück hat die wilde Zeit bald ein Ende, wenn der neue Gesundheitsboulevard fertig gestellt sein wird. Oder sie geht dann erst richtig los. Immer mehr Bars und Shops legen sich für ihre junge Kundschaft mächtig ins Zeug. Lucky Bike ist vor kurzem in eine traumhaft sanierte ehemalige Fabrik gezogen, das Café Panam und das Four Rooms bringen frische Clubkultur ins Viertel, das mit dem Grassi- Museum und Mendelsohn-Haus auch absolute Glanzpunkte der Hochkultur zu bieten hat. „Also für mich ist das Reudnitzer Brauereifest im Mai immer das Schönste. Gutes Bier, tolle Stimmung und jede Menge Kundschaft.“ Und dabei deutet alles darauf hin, dass es davon in der Zukunft noch mehr geben wird. Im Juni sind vor dem Völkerschlachtdenkmal unter anderem Konzerte von Elton John und Carlos Santana geplant. Die Sanierung des „Völki“ ist bereits zur guten Hälfte abgeschlossen und zeigt den alten, neuen Glanz. So wie die gesamte Gegend, die sich ständig verändert, aber eines bleibt: spannend. „Zu meckern gibt’s natürlich immer was. Aber ich liebe den Osten, mit all seinen Macken. Genauso wie meine Frau mich.“ Richtig so und Danke für die Fahrt!

Rainer Wilde