Wo im Sommer die Kinder im Springbrunnenwasser planschen, fangen jetzt verliebte Pärchen Schneeflocken, die der raue Wind umher treibt; ausdauernde Jogger überwinden den inneren Schweinehund auch bei Kälte. Ein Blick über die Schulter auf die Weiße Elster entlohnt ihre Mühe. Klingt kitschig? So romantisch spielt es sich aber täglich im Palmengarten ab, einem idyllischen Park, bloß wenige Meter von der großen Jahnallee entfernt, die einen nur ein paar Minuten von der Innenstadt trennt.

„Lindenau ist ein bisschen wie ein Dorf, aber dennoch besser als sein Ruf!“, meint Anne Kurth lächelnd. Sie ist Kellnerin im Café Lindex, das zum Theater der Jungen Welt gehört. Diese Spielstätte direkt am Lindenauer Markt bildet zusammen mit dem benachbarten Lofft und der festlich anmutenden Musikalischen Komödie ein starkes Dreieck in Leipzigs Theaterlandschaft. Wieder draußen auf dem Markt stehend wird mir klar, was Anne meint: Es ist Markttag, die Menschen hasten frischem Obst und Gemüse aus der Region hinterher, während der laute Klang der Nathanaelkirchenglocke eine weitere vollendete Stunde verkündet. Nach einem Moment der Nostalgie wird sich wieder auf das Wesentliche besinnt: Es ist höchste Zeit, sich über die Abendgestaltung Gedanken zu machen. Denn so dörflich, dass es keine Möglichkeit zum Ausgehen gäbe, ist es nun beim besten Willen nicht!

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Die Auswahl ist groß hier im Viertel, man muss nur die Augen und Ohren dafür öffnen, denn viele Partys, Performances und kleine Konzerte sprechen sich durch Mundpropaganda herum. Beginnen wir doch in der Kassette gleich hinter dem Lindenauer Markt. In diesem kleinen aber gemütlichen Raum lädt Lockenkopf Benjamin stets zum Tausch von Musikkassetten, ein Mal im Monat zum Konzert oder auch zum Weißwurst-Frühstück mit Bier und Brezeln – die Ideen werden ihm sicher nie ausgehen, auch nicht wenn es darum geht, die Ablehnung von faschistischem Gedankengut zum Programm zu machen. Zwischen all den alternativen Kunsträumen sitzt seit November 2008 – zum Schrecken vieler – wenige Schritte weiter in der Odermannstraße der NPD Landtagsabgeordnete Winfried Petzold hinter hohem Zaun in seinem Büro.

Durch diese Provokation sind Künstler und Betreiber, angefangen beim Ausstellungsraum D21 im Wächterhaus bis hin zum Malereiatelier Lalülala, noch enger zusammengerückt, um sich nicht kaputt machen zu lassen, was sie an Kunst und Kultur errichtet haben. Ihr Verbund, der vor etwa einem Jahr aus der Veranstaltung „Lindenow“ erwuchs, zahlt sich nun aus. All diese kreativen und offenen Menschen drücken letztendlich das aus, was schon Erich Kästner wusste: „Niemals dürfen wir so tief sinken, von dem Kakao, durch den man uns zieht, auch noch zu trinken!“ Also trinke ich lieber ein Bier gegenüber im Café des Westens und erfahre noch so manch andere Neuigkeit. Zum Beispiel dass auch das Theater der Jungen Welt am 22. Januar in Zusammenarbeit mit dem Lofft eine Veranstaltung unter dem Motto „Farbe bekennen“ plant, um zu demonstrieren, dass Kultur stets stärker ist als hohle Parolen. Jeder der will, kann hier seine Empörung singen oder tanzen.

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Bereits einen Tag darauf folgt das nächste Highlight der Spielstätte, wenn Studenten der Theaterwissenschaften aus ganz Deutschland ihr Können und Wissen unter Beweis stellen. Weiter geht die kulturelle und vergnügliche Reise auf der Karl-Heine-Straße, vorbei an der Schaubühne Lindenfels – in der auch mal Berühmtheiten wie Wladimir Kaminer zu Lesungen rufen – hinein in die ein oder andere Kneipe, bis zum Ende, das durch die Baumwollspinnerei gebildet wird. Auch hier, wie könnte es anders sein, wird Theater gespielt, gemalt und gewerkelt. Mit den alten Fabrikhallen verhält es sich ähnlich wie mit dem gesamten Viertel: Beim Annähern, beim Hereinschauen wird deutlich, was alles geboten wird. Letztendlich gibt die Einfachheit Lindenow, Verzeihung, Lindenau, seine Farben!

Wo wir Kunst genossen haben
D21 Alles was wichtig ist, worüber aber im Alltag oft nicht gesprochen wird, wird hier visualisiert.
Atelier Kata Adamek (ehemals Panipanama). Hier stellte sie das erste Mal aus, von hier ist sie mit ihren feinfühligen Bildern und anderen Kunstprojekten so schnell nicht wegzudenken.

Wo wir gegessen haben
Café Lindex Kellnerin Anne Kurth weiß immer etwas Spannendes zu berichten, schließlich arbeitet sie 15 Stunden pro Tag hier.
Kebab Pizz Den besten und preiswertesten vegetarischen Döner gibt’s hier.

Wo wir theatralisch unterhalten wurden
Lofft Im Theaterhaus gibt’s nicht nur Stücke für Kinder – von Skurril bis Klassisch ist alles dabei.
Theater der jungen Welt Das Haus hat sich der Förderung von Kindern und Jugendlichen verschrieben.
Musikalische Komödie Das Haus Dreilinden ist schon der Historie wegen wertvoll, seit 1713 werden hier nicht nur Komödien gezeigt.