Ich bin Neu-Leipziger. Neu heißt, ich wohne hier seit sechs Jahren. Ich habe hier studiert, habe hier meine Freunde, möchte hier wohnen bleiben. Geboren bin ich in Dresden. Und natürlich: Als ich aus der schönsten Stadt Sachsens in das graue Leipzig zog, da habe ich die Stadt verwünscht. Mein erstes Zimmer war in Anger-Crottendorf. Den Blick aus dem Fenster auf die bröckelnde Häuserfassade gegenüber war mir verhasst. Solche Bilder hatte ich schon längst vergessen. Heute fühle ich mich hier wohl, mehr als in Dresden. Leipzig besitzt zwar neben vielen bunten auch noch immer viele graue Ecken. Doch es ist die Veränderung, die ich lieben gelernt habe. Das erste Mal in Leipzig war ich 1994. Damals hatte ich einen Tag schulfrei. Zusammen mit meiner Mutter besuchte ich die Leipziger Buchmesse, die damals noch in der Innenstadt im Messehaus am Markt stattfand. Als ich aus dem dunklen Bahnhof auf den Vorplatz lief, dann hinein in die Nikolaistraße, erzählte mir meine Mutter etwas von den Montagsdemonstrationen und der Nikolaikirche. Sie zeigte mir die Brücke am Gördelerring, unter der die etwa 70 000 Menschen am 9. Oktober 1989 demonstrierten. Und währenddessen huschten an uns Menschen vorbei in die Läden, durch die engen Gassen, entlang der großen heruntergekommenen Häuser am Innenstadtring.

Auch wenn Dresden nicht kleiner ist als Leipzig, das emsige Treiben gab mir damals schon das Gefühl, in einer Großstadt zu sein. Die Stadt war im Wandel. Das imponierte mir. Im Messehaus am Markt gegenüber dem Alten Rathaus angelangt, drängten sich die Besucher und Aussteller gleichermaßen durch die kleinen, engen Flure. Gregor Gysi stellte sein neues Buch vor. Gysi gibt es heute noch, das Haus nicht mehr. Auf seinen Fundamenten kaufen die Leute nun bei Zara und H&M ein. Gleich gegenüber stand das Capitol, jenes Kino, das später einem heute pleitegegangenen Einkaufstempel weichen musste. Schnell ist der Wandel schon immer gewesen. 1996 öffnete die Neue Messe im Norden der Stadt ihre Tore. Während zu DDR-Zeiten Universalmessen wie die jährliche Frühjahrsmesse der Renner waren, sind es heute Fachmessen wie die Buchmesse oder die Games Convention, die die Fans nach Leipzig ziehen.

Auf dem Rückweg über die Grimmaische Straße, in deren Ladenzeilen sich damals ständig neue Inhaber die Klinke in die Hand gaben, liefen wir auf den Augustusplatz, vorbei an der Universität. Schmutzig war sie und lud kaum zum Lernen ein. Dass dieser Anblick auf mich später einen Charme ausmachen würde, den der Uni-Neubau erst noch erfinden muss, konnte ich damals nicht ahnen. Im Winter 2009 soll er nach jahrelangen Bauverzögerungen endlich fertig werden, pünktlich zur 600-Jahrfeier der Universität und nach einem Streit, der neben dem Millionenprojekt Citytunnel zur Nachwendequerele der Stadt wurde. Gemeint ist der umstrittene Wiederaufbau der Universitätskirche, die die Stadtoberen 1968 sprengten, obwohl sie ein wichtiges Detail im Stadtbild war.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sich das ehemalige „Dreckloch der Republik“ in eine grüne Seenlandschaft verwandelte.Während ich damals mit dem Zug die Stadt Richtung Heimat verließ, war Bertram Weisshaar etwa zum gleichen Zeitpunkt in Leipzig angekommen. 1994 war er der letzte Mensch, der bis auf den Grund des Tagebaus Cospuden hinabstieg. Damals zeltete er dort für eine Nacht in 35 Metern Tiefe, dann begann die Flutung. Als Spaziergangsforscher entwickelte er in den folgenden Jahren viele Rundläufe durch die Tagebau-Region und die entstehende Seenlandschaft. „Wenn Sie hinter die Boote und Bojen blicken, hinüber ans andere Ufer – Sie sehen immer einen See. Dass hier einmal eine Mondlandschaft mit einer eigenen Geschichte war, das sieht niemand.“

Es ist ein gewaltiger Landschaftsumbau: Das mitteldeutsche Braunkohlerevier galt früher als „größtes Dreckloch der Republik“. Von Altenburg bis nach Bitterfeld verwandeln sich acht Braunkohlegebiete innerhalb der nächsten Jahre in 23 Seen. Der größte See ist der Zwenkauer See im Süden der Stadt. Bis vor neun Jahren wurde hier Braunkohle gefördert. Zurück blieb ein 50 Meter tiefes Loch. 2014 wird es geflutet sein und durch einen Kanal mit dem längst als Erholungsgebiet genutzten Cospudener See verbunden werden. Mit dem Boot vom Stadtzentrum bis zum Ufer des Zwenkauer Sees – in fünf Jahren ist das möglich.

Ich habe den Vergnügungspark Belantis im Blick. Mit dem Fahrrad bin ich hergekommen. Hier wird mir noch einmal bewusst, dass die Seen nicht nur die verloren geglaubte Natur in die vormals trostlose Landschaft zurückbringen. Auch Tourismus und Wirtschaft haben die Vorzüge der Neuseenlandschaft erkannt. Zurzeit überlegen etwa die Veranstalter des Erfurter Highfield-Festivals, ob sie im nächsten Jahr ihre Bühne für die 35 000 Fans am Störmthaler See in Großpösna aufbauen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sich die alte Baumwollspinnerei zur Herberge für Ateliers und Galerien entwickelt hat und warum Leipzig es wert ist, dort zu leben.Meine Tour führt mich weiter bis zum Markkleeberger See. Hier ist es ruhiger. Obwohl der See längst zum Baden freigegeben ist, sind hier die Spuren des Tagebaus noch deutlich sichtbar. Kahle Hänge mit wenig Bäumen, am südlichen Ufer schwenkt ein großer, alter Bagger seinen Arm entlang der Autobahn. Vor zwei Jahren hat hier Europas modernster Kanupark eröffnet. Ich will noch nach Plagwitz. Ruß und Kohle gab es schließlich früher dort ebenso. Und wie bei den Schuttlöchern hat man auch in Plagwitz nach der Wende begriffen, dass sich aus dem grauen Industrie- und Arbeiterviertel etwas machen lässt. Mein Weg dorthin führt durch Schleußig über die Kanäle und die „Fanta4-Brücke“, die die Nonnenstraße mit der Könneritzstraße verbindet. Hier drehten Die Fantastischen Vier 1992 ihr Musikvideo zur Single „Die da?!“.

Weiter geht es über die neuen Laden- und Kunstzeilen Karl-Heine-Straße und Zschochersche Straße in Richtung Spinnerei-Gelände, wo sich nach der Wiedervereinigung zahlreiche Künstler ansiedelten. Auch der Felsenkeller, Jugend- und Kulturzentrum in der DDR, beherbergte Ausstellungen bevor er lange leer stand. Nun wird er aufwendig saniert. Erstaunlich ist, wie sich die alte Baumwollspinnerei in den letzten 20 Jahren zur Herberge der europäischen Elite der Ateliers und Galerien entwickelt hat. Zu den internationalen Neuzugängen gehören der mexikanische Galerist Hilario Galguera, der damit seine erste Dependance in Deutschland eröffnet hat, genau wie seit Mai 2009 Choreogafin Montserrat León mit ihrem Internationalen Choreografischen Zentrum. Dank Neo Rauch, der hier noch immer sein Atelier hat, ist die Neue Leipziger Schule über die Grenzen Europas bekannt.

Leipzig ist Industrie- und Messestadt, nicht erst seit der Olympiabewerbung für 2012 und der WM 2006 auch Sportstadt. Leipzig ist Kulturstadt und eine grüne Stadt. Leipzig ist es wert, hier zu leben.