Ihr habt Ende der Neunziger als Stuben-Orchester in der Erika-von- Brockdorff-Straße mit der Devise angefangen: „Wir bleiben hier!“ Was müsste passieren, damit ihr Leipzig den Rücken kehrt?
Nadja: Wenn die Stadt durchsaniert und kleinkarierter wäre, es keine Freiräume mehr gäbe für „arme“, visionäre Kulturprojekte, alternative Lebensräume oder Menschen aus anderen Kulturkreisen.
Sergej: Leipzig sollte auf keinen Fall noch homogener werden, wir mögen es, wenn alles bunt durchmischt und ein bisschen unberechenbar ist!

Wie eure Musik. Nadja hat sie als „Avantgarde-Schlager zur Rettung des guten Liedes“ bezeichnet. Ein Anspruch, den ihr an eure Arbeit stellt?
Nadja: Da muss ich betrunken gewesen sein. Ich sehe uns als MusikerInnen mit Herz für schöne Melodien und poetische Texte – seien es politisch motivierte oder einfach nur Texte, die ein Lebensgefühl, eine Sehnsucht widerspiegeln.

Apropos politisch – ihr habt mit „Festung Europa“ einen Protest-Song- Contest gewonnen. Inwieweit seht ihr euch als Musiker in der Verantwortung, politisch Stellung zu beziehen?
Nadja: Ich beschäftige mich mit Themen wie der Flüchtlingspolitik Europas, weil sie mir am Herzen liegen, mich wütend oder ratlos machen. Es ist ein Privileg, dass ich dabei von anderen wahr- und ernst genommen werde.

Ihr gratwandert zwischen süß und kritisch. Wie groß ist die Gefahr als Band, die teilweise elektronische Musik macht, in die Disko-Schublade gesteckt zu werden?

Sergej: Die Gefahr ist da, die Naserümpfer sind stets zur Stelle. Aber es gab immer die Fraktion, die Disko und Pop mit Ausverkauf und Gefälligkeit gleichsetzt. Den Rockern und der experimentellen Avantgarde werden politische Aussagen abgenommen. Aber langsam müsste klar sein, dass das auch gut zusammen geht.
Nadja: Wir sind eine Popband, die auch politische Themen zum Tanzen bringt.

Ihr bezeichnet das als „Sprengstoff- Musik“…
Sergej: Ich finde es gut, die Diskussion anzufachen, zu verwirren oder zu provozieren. Wir benutzen die Band als eine Art Litfasssäule, auf die wir verschiedene Poster kleben.

Euer neues Album heißt „Die Fälschung der Welt“ – das ist ein sehr totales Statement…
Sergej: Ursprünglich war das die Überschrift eines TAZ-Artikels über einen Roman. In dem Buch geht es um einen Mann, der in Gefangenschaft Fische malt. Naturgetreu. Quasi die Natur fälscht. Aber das Thema ist im modernen Leben omnipräsent. Ob es nun Reality-Soaps sind, Verschwörungstheorien oder die Konstruktion der Wirklichkeit durch die Medien.

Ein Song trägt den Titel „Escapism is over“. Sollten wir angesichts des überall allgegenwärtigen Betrugs in unserer Gesellschaft das Handtuch werfen?
Nadja: Es gibt keinen Ausgang, wir haben nur das hier. Wenn man unglücklich ist, nützt es nichts, sich vom TV einlullen zu lassen, sich auf Partys wegzuschießen oder wegzusehen. Irgendwie sind wir immer Teil des Spiels, wir mischen alle mit. Das hat auch was Hoffnungsvolles.