„Bölcks Brett’l“: Eröffnungsgala und Hausmeister-Premiere

Seit dem 7. April 2010 gibt es eine neue Kleinkunstbühne in Magdeburg: „Bölcks Brett’l“ Und auch wenn er selbst Kabarettist sei, betonte Namensgeber Lothar Bölck bei der Begrüßung des Publikums, das Brett’l soll keine zusätzliche Kabarettbühne sein. 80 Plätze gibts im komplett neu gestalteten Blauen Salon in der Sudenburger Feuerwache.

Und die Vielfalt, die Lothar Bölck sich wünscht, zeigte sich schon zur rund dreistündigen Eröffnungsgala. Künstler unterschiedlichster Genres probierten die neu gebaute Bühne aus. Kurzweilig und künstlerisch auf hohem Niveau vergingen die drei Stunden wie im Flug. Schon Bölcks Begrüßungsrede wurde zur satirischen Abrechnung mit aktuellen Politgeschehnissen im Allgemeinen und der bundesdeutschen Ministerriege im Besonderen. Doch ehe Bölck so richtig warm wurde, erschien Hausmeister Gomolka (Knut Müller-Ehrecke) auf der Bildfläche. Er übernahm die Moderation und “Publikumsbespaßung” zwischen den einzelnen Gastnummern. Und so waren als erste Gäste noch einmal die “Nachtschwärmer” an der Reihe und präsentierten Ausschnitte aus ihren Programmen “Alles außer schlafen” und “Wellenreiter – Im Bugstrahl des Lebens”. Danach gaben Buchautor und MDR-Moderator Peter Hofmann und Musiker Martin Müller am Akkordeon einen Vorgeschmack auf ihr Programm “Liebe, Licht und ein Kamel”, das sie gemeinsam mit Knut Müller-Ehrecke demnächst auf “Bölcks Brett’l” präsentieren. Das “Prolästerrat” zeigte in ganz neuer Besetzung eine Kostprobe studentischen Kabaretts und eine, die auch beim “Prolästerrat” groß geworden ist, glänzte in einem Solo: Anika Janakiev als pseudointellektuelle, überspannte Professorin Dörte von Maibaum-Fallobst – Künstlernachwuchs mit Zukunftschancen.

Brillant ging es auch nach der Pause weiter: Tabea & Tobias Wollner spielten die ganze Bandbreite ihres Könnens aus – von einer melancholischen Version von “Fritze Bollmann” über eine ausgesprochen witzige Persiflage von Vico Torrianis “Gitarren der Liebe” bis hin zum Blues. Und am Ende der Eröffnungsgala gabs dann doch noch Kabarett satt: Lothar Bölck mit der Rede eines (blauen) Hinterbänklers im deutschen Bundestag, Kugelblitz Lars Johansen spöttelte in Höchstform über pädophile Priester, Magdeburger Tunnel und ständig zurücktretende und wieder auftauchende Stasi-Beauftragte und den Schlusspunkt setzten die drei Hengstmänner Frank, Tobias und Sebastian in ihren Paraderollen als Manni Fest, Sohn Matze und Malte. Und nach drei Stunden großer Kleinkunst verabschiedeten sich alle Künstler zusammen mit einem Lied von von Stefan Gwildis von einem begeisterten Publikum: “Wir haben doch jeden Berg geschafft. Hand in Hand mit ganzer Kraft. Mit Feuer und mit Leidenschaft. Was braucht man mehr dazu?”


Fotos: Lars Frohmüller

Premiere für Hausmeister Gomolka

Schon zwei Tage nach der Eröffnung der neuen Kleinkunstbühne gab es dort die erste Premiere: Schauspieler Knut Müller-Ehrecke zeigte sein Soloprogramm „Hausmeister Gomolka oder Das Leben hat neun Katzen“. Giesbert Gomolka ist Hausmeister („Facility Manager sagt man nicht mehr, das klingt so gierig.“) eines Mehrfamilienhauses inklusive seiner doch sehr unterschiedlichen Mieter. Naja, eigentlich WAR er Hausmeister. Jetzt hat seinen Job ein Hausmeisterservice übernommen. „Die stehen zwar nie vor der Tür, dafür aber auf der Betriebskostenrechnung“. Und darum ist Gomolka geblieben, in seiner kleinen Werkstatt, steht den Mietern zur Seite und – er füttert deren Katzen. Neun sind es an der Zahl und immer, wenn eine von ihnen lauthals miaut, erfährt das Publikum die Geschichte ihrer Herrchen und Frauchen. Da gibt es die 85-jährige Frau Sternitzke, die noch die BdM-Uniform im Schrank hängen hat (psst!) und die sogar noch passt. Drunter wohnen Maik und Janine, zwei Ur-Machdeburjer. Er schraubt an seinem alten BMW, raucht alte Juwel und hört „Karat“ von alten ORWO-Kassetten, sie besucht mehrmals in der Woche den „Tussen-Toaster“ und hat öfter mal Handwerker zu Gast. Dann gibt es da noch Mechthild Ohnemann-Rettich mit Tochter Esmeralda Sophie Charlott, Vegetarier und auch sonst ziemlich skurril nach Gomolkas Geschmack. Als „Memories“ auf dem Klavier erklingt, lernen die Besucher Mai Ling Kozlowski kennen, ein thailändisches Mädchen, die genau wie ihre Adoptiveltern, das Ex-Lehrer-Ehepaar Kozlowski, Opfer des Tsunamis wurde. Deren Traum vom Bio-Baumkuchen-Bauchladen hat die Welle weg- und ihnen dafür Mai Ling in die Arme gespült. Und schließlich lebt in Gomolkas Haus noch die Familie Üzgür, die jedes bekannte Klischee einer türkischen Familie in Deutschland erfüllt.
Doch nicht nur die Geschichten der Mieter erzählt Gomolka, man lernt auch ihn und seine Familie kennen. Und man erfährt, dass der Hausmeister auch Poet ist. Immer wieder gibt er zu den verschiedensten Geschichten kurze Gedichte preis. Diese sind beim Publikum definitiv die Highlights des Programms, denn sie sind natürlich keine hohe Goethische Dichtkunst, sondern eben die Gedichte eines Hausmeisters.
Die Texte des Programms stammen größtenteils aus der Feder von Autor und MDR-Moderator Peter Hofmann, der in ihnen sehr fein die Ecken und Kanten unseres täglichen Lebens beobachtet. Müller Ehrecke schafft es dann, die durchaus gesellschaftskritischen Texte mit der Rolle des „einfachen“ Hausmeisters so überein zu bringen, dass die Zuschauer durchaus Ausschnitte ihres eigenen Lebens darin entdecken können. Dabei ist der Abend jedoch kein kabarettistischer, sondern ein schauspielerischer Soloabend zum Schmunzeln, manchmal auch zum herzhaft Lachen, aber eben auch zum Nachdenken.

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