„Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ seit 7. Februar im Schauspielhaus

Wer bei dem Titel „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ an ein Stück über George W. Bush und seine umstrittene Politik denkt, der irrt. Der Titel dieses Stückes in der Inszenierung von Peter Kube bezieht sich vielmehr auf eine Schrift, die Dominique (durchweg großartig: Andrea Thelemann) gleich zu Beginn des Stücks ihren Freunden vorstellt und in der sie die These vertritt, dass ein Übermaß an Individualismus zum Niedergang von Gesellschaften führe.

Diese These animiert nun die anwesenden Freunde, sich darüber zu unterhalten, wie es ein jeder mit der individuellen Lust bzw. mit Verantwortung anderen Menschen gegenüber so hält.

Die vier Männer dieses Kreises befreundeter Uni-Mitarbeiter und Intellektueller mittleren Alters machen sich in der Küche zu schaffen, während die vier Frauen im Fitness-Center ihre Körper auf Vordermann bringen.

Und kaum sind die Männer und Frauen unter sich, wird das Mundwerk loser und es beginnen – wie im wahren Leben – Prahlereien, abwertende Äußerungen über das jeweils andere Geschlecht und Bekenntnisse, die Mann lieber unter seinesgleichen offenbart.
Die Männerriege wird dominiert von Rémy (Wolfgang Vogler). Er ist zwar seit Jahren mit Louise (Meike Finck) verheiratet. Dennoch kann er zig Anekdoten über seine sexuellen Eskapaden während der Ehe berichten. Zugleich betont er aber auch, dass eine Scheidung für ihn nicht in Frage käme – aus Gründen des Pragmatismus, der Gewohnheit.

Vogler mimt diesen kleinbürgerlichen und Möchtegern-Don Juan herzerfrischend und sehr authentisch. Anscheinend musste sich der Schauspieler nur an seine Rolle als Don Juan im gleichnamigen Stück der aktuellen Spielzeit entsinnen und zwei, drei Gänge an Intensität der Darstellung zurückschrauben et voilà, er gibt einen wahrhaft überzeugenden Rémy.

Ihm zur Seite steht dieses Mal zwar kein Sganarelle. Jedoch füllt Alain (Eddie Irle) diese Position in Ansätzen aus. Er ist der Jüngste in der Männerrunde, der sich nach einer Beziehung sehnt, in der Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Treue nicht zur Disposition stehen.
Pierre (Jon-Kaare Koppe) trumpft wiederum mit Affären mit Studentinnen auf. Es gehört nicht viel dazu, zu erkennen, wie süchtig er nahezu nach Frischfleisch ist, das für ihn eine Art Jungbrunnen darstellt. Koppe agiert mal als Clown, mal als Lehrer, mal als abgebrühter Typ mitten in der Midlife-Crisis. Er ist der klammheimliche Star des Stückes. Egal, was er mimt, man nimmt es ihm ab. Seine Authentizität und Wandlungsfähigkeit sind wahrhaft lobenswert.

Marcus Kaloff schließt die Runde der Männer ab und ergänzt sie zugleich: in der Rolle des schwulen Claude. Auch er berichtet von Abenteuern mit Jungs, die ihm danach sogar Teile des Inventars seiner Wohnung klauten.

Während sich die Männer mit wechselseitigen Prahlereien schmücken, machen es die Frauen ihnen, ganz emanzipiert, nach. So berichtet Louise (Meike Finck) vom Besuch einer Swinger-Party, bei der sie und Rémy ihrer Ehe etwas Abwechslung gönnen wollten und sie nennt die Teilnahme an der Orgie gar einen „Abend für die Ehe“.

Diane (Susanne Krasse) ist auch kein unbeschriebenes Blatt. Sie präsentiert der überraschten Runde am Ende des Abends ihren neuen Freund Mario (Thomas Werrlich), der in keiner Weise – weder optisch, noch vom Habitus her – zu der illustren Runde passen mag. Mit ihm offenbart sie eine masochistische Vorliebe.

Danielle (Franziska Melzer), die mit Pierre liiert ist, erscheint ein wenig wie das Küken in der Runde. Die beiden lernten sich in einem ganz speziellen Massagesalon kennen, den ihr Göttergatte ab und an mal aufsucht.


Fotos: H. L. Böhme

Auch wenn die Offenbarungen sexueller Eskapaden oder die Sticheleien gegen das andere Geschlecht schon durchaus komischen Charakter haben, so leisten die Schauspielerinnen und Schauspieler doch noch mehr als das. Sie tanzen, singen, üben sich in Slapstick. Alles mit dem Ziel, eine gewisse Leichtigkeit des Seins darzustellen.

Gewiss, die acht Figuren führen dem Zuschauer eine Oberflächlichkeit, eine Egomanie und ein hohes, hohes Maß an Relativismus vor Augen. Doch, und das ist vermutlich die eigentliche Moral von „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“, gibt es in jedem der Personen auch noch eine weniger schillernde Seite. Rémy kann sich ein Leben ohne seine Louise wirklich nicht vorstellen. Genau so wenig wie er eben auf seine sexuellen Abenteuer verzichten kann. Diane mag ein erfülltes Sexualleben haben. Doch ist sie schon einmal geschieden, hat Kinder und verzichtete ihretwegen auf ihre Habilitation.

„Ave Imperator, Morituri te salutant“ steht auf der antik anmutenden Kulisse. Den Imperator grüßen die Todgeweihten. Der Imperator? Vermutlich der Trieb, niedere Beweggründe. Ja, diesem Imperator, diesem Es im Freud’schen Sinne, sehen wir alle uns jederzeit ausgesetzt. Die Mehrzahl der Menschen lebt ihre Triebe gewiss – hoffentlich – nicht aus. Dass die acht Personen des Stückes es tun, macht sie somit per se nicht zu schlechteren Menschen. Es ist wohl nur die personale Intensität und die kollektive Ballung der Berichte über Seitensprünge, Ausrutscher und One-Night-Stands, die einen nachdenklich stimmen.

Was dies nun für gesamtgesellschaftliche Folgen haben mag, ja, mit dieser Frage verlässt man nach durchweg unterhaltsamen anderthalb Stunden das Schauspielhaus und beginnt, sich darüber auf dem Heimweg so seine Gedanken zu machen.

Weiterführende Links

www.theater-magdeburg.de

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