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MARTIN SONNEBORN im Interview

Ein Interview mit Journalist und Politiker Martin Sonneborn.

Martin Sonneborn, ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ und Parteichef von Die Partei, machte sich als Wandersmann auf den Weg, um 250 Kilometer lang um Berlin herum zu gehen und die ehemalige DDR kennenzulernen. Am 18. Juni stellt er sein Buch „Heimatkunde“ im Projekt 7 vor. Uns verriet er, mit wem er die Mauer wieder aufbaut.

urbanite:

Wie lange war die Vorbereitungszeit auf Heimatkunde ?

Martin Sonneborn:

Im Grunde haben wir begonnen genau fünf Minuten nach dem Mauerfall! Seitdem studieren wir alles, was mit dem Osten zutun hat. Vor allem die sogenannte Wiedervereinigung. Somit brauchte ich auch keine direkte Vorbereitung für den Marsch um Berlin. Ich war langfristig vorbereitet. Auch inhaltlich.

urbanite:

Mit ihrer Partei „Die Partei“ wollen Sie jedoch die Rolle rückwärts…

Martin Sonneborn:

Ja, wir werden auch den 13. August (1961 – Bau der Mauer a.d.R.) am meisten feiern in diesem Land! „Partei“-Feierlichkeit in Berlin wird die größte, nehme ich an.

urbanite:

Also war die Rundreise nur eine Ortsbegehung für den Neubau?

Martin Sonneborn:

Natürlich. Allerdings würde man eine Mauer heute anders bauen. Die DDR hat ja noch mit relativ wenig Rohstoffen und ästhetisch relativ unspektakulär gebaut. Wir sind mit israelischen Experten im Gespräch. Eine bauliche Abtrennung kann man heutzutage ganz anders lösen.

urbanite:

Haben die „Zonis“ Sie mit offen Armen empfangen oder war es eher ein abweisendes Zusammentreffen?

Martin Sonneborn:

Nein, überwiegend wurde ich sehr offen aufgenommen. Ganz wenige haben das Gespräch verweigert. Was etwas irritierend war: Es war eine Kamera dabei die ganze Zeit. Extrem wenig Leute haben gefragt „Wofür ist die Kamera?, Was machen Sie da?, Wo wird das ausgestrahlt?„ Durch den Konsum von Unterschichtenfernsehen (z.B. RTL2 a.d.R.) scheint es vollkommen normal, wenn sich zwei Menschen unterhalten, muss ein dritter mit einer Kamera dabei sein.

urbanite:

Was haben Sie eigentlich gegen Ostdeutsche?

Martin Sonneborn:

Diese Frage kann ich unter der intelligenten Leserschicht ihres Magazins ganz einfach beantworten: Überhaupt nichts. Die Grenze verläuft ja nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Leuten, die Titanic-Humor verstehen und die es nicht tun. In der Partei ist ein Drittel der Mitglieder aus Ostdeutschland. Der Maueraufbau ist nur ein populistisches Mittel, das uns in den alten Ländern Stimmen bringen soll. Hinzu kommt: Im Osten kamen schnell die Stimmen auf „Wir machen da gerne mit“. Natürlich immer unter der Bedingung, dass die investierten Mittel erhalten bleiben. Das unterstützen wir gern.

urbanite:

Begibt man sich nicht in Gefahr, wenn man die Leute so vorführt? Stichwort NPD?

Martin Sonneborn:

Grundsätzlich eigentlich nicht. Bei der NPD war es in sofern schwierig, da uns auf der Abschlusskundgebung in Magdeburg sofort jemand erkannt hat. Da war dann nicht mehr so viel möglich. Wenn wir mit Chinesen auf der Buchmesse Späße treiben, dann ist das natürlich einfacher. Die kennen uns nicht. Aber gefährliche Situationen gab es auch bei der NPD nie. Es waren zwei Teams von öffentlichen Sendern da. Die Nazis sind schon sehr vorsichtig, was sie vor den Kameras machen. Die haben zwar die Nationalhymne falsch gesungen, mit Strophen die man sonst nicht singt. Aber sonst werden die sich es nicht leisten können vor den Kameras einen Fehler zu machen. Eins war schon erschreckend: Es war der hässlichste Haufen von Menschen, den ich je irgendwo gesehen habe. Das schlägt natürlich aufs Gemüt.

 
Fotos: Veranstalter

urbanite:

All das erwartet uns in der Heimatkunde oder gibt es noch mehr?

Martin Sonneborn:

Das Buch ist nur ein kleiner Teil der Veranstaltung. Es wird einen Leseteil für die Leseschwachen in Sachsen-Anhalt geben, der aber, da die jungen Leute längeren Texten gar nicht mehr zu folgen vermögen, immer wieder mit kurzen Einspielern aus dem Film unterbrochen wird. Das ist der Hochliteraturteil. Der zweite Teil wird dann etwas krawalliger. Mit Einspielern aus der heute-show. Unter anderem mit hochkarätigen Vertreten aus Sachsen-Anhalt, wie Herrn Püschel von der NPD.

urbanite:

Gibt es eigentlich noch ein Rückspiel mit dem Bundeswahlleiter?

Martin Sonneborn:

Viele Parteienrechtler sehen die Entscheidung des irren Bundeswahlleiters mit CDU-Parteibuch als Problem. Insofern hätte ich mir auch gewünscht, dass die Richter sich mit diesem Problem auseinander setzen. Das haben sie nicht tun wollen, sondern haben einen formalen Ausweg gesucht. Viele Leute setzen Hoffnungen in uns, weil sie FDP gewählt haben, dass wir die Wahl wiederholen lassen. Aus diesem Grund gehen wir jetzt zum europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dort stehen wir mit kleinen russischen Parteien in einer Linie.

urbanite:

Sie betreiben das also nicht als Sport innerhalb der Titanic, sondern es ist Ihnen ernst mit der Machtergreifung?

Martin Sonneborn:

Das ist doch kein Sport! Wir sehen das genau so sportlich wie die FDP. Wobei ich uns lieber mit der SPD vergleiche, einer ehemaligen großen Volkspartei. Die FDP ist ja eine Spaßpartei mit der uns nicht viel verbindet. Wir betreiben das schon ernsthaft. Wir haben uns 2004 aus der Frage heraus gegründet, was sollen wir eigentlich noch wählen. Deswegen gründeten wir eine moderne Partei neuen Typs. Die populistischer, inhaltsleerer und machtversessener ist, als alle anderen. Wenn wir eine politische Position vertreten, dann muss diese allerdings mindestens 36 Stunden haltbar sein. Das unterscheidet uns von der FDP. Wir wollen die Wahl auch aus dem Grund wiederholen lassen, dass die FDP anschließend nicht mehr im Bundestag vertreten ist. Sachsen-Anhalt hat hier eine Vorreiterrolle eingenommen. Ich komme auch nach Magdeburg, um zu lernen.

urbanite:

Werden Sie sich Magdeburg ansehen?

Martin Sonneborn:

Magdeburg anzusehen ist etwas, das wir bisher wohlweislich versäumt haben, und das wird sich auch in diesem Jahr nicht ändern. Minuten nach der Veranstaltung werde ich versuchen, die Stadt wieder zu verlassen. Magdeburg gilt bei uns als eine der hässlichsten Städte Deutschlands. Vergleichbar mit Bottrop, Oberhausen, Gelsenkirchen und da zieht uns natürlich überhaupt nichts hin.

Wir verlosen 3×2 Freikarten für Martin Sonneborn – Krawall und Satire am 18.06. im Projekt 7. Schaut in unserer Gewinnspielforum.

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