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The Editors und Tocotronic

Wenn Interpol U2-Songs spielen und andersrum, stecken The Editors dahinter. Angesichts des neuen Albums „An End Has a Start“ fühlt man sich doch verleitet das anzunehmen. Die Mannen um Tom Smith haben nach dem großen Erfolg ihres Debüts (über eine Million verkaufte Exemplare) den noch größeren Ruhm irgendwo zwischen Arenakonzerten und den Top 10 Charts ins Auge gefasst. Dieser pophistorisch bestens bekannte Prozess führt im allgemeinen zu drei Sachen: einige großartige, erhabene Hymnen, viel gutes aber behäbiges Material und einige richtig miese Songs, die die Band in ihrem Höhenrausch selten aussortiert.
Bei den Editors funktioniert das im Prinzip genauso, nur dass sie noch mit einem großem Vorteil bzw. Nachteil aufwarten: die Verwendung bereits existierender Erfolgsrezepte aus den Schränken von Interpol, Joy Division oder eben auch U2. Das muss zwar nicht immer wie eine Kopie wirken, tut es aber leider des öfteren. Dennoch spielt die Band ihre Rolle zumeißt hervoragend und ihre aktuellen Songs bedienen in der Masse selten die dritte der obengenannten Kategorien, dafür aber umso mehr die zweite. Mit „Smokers Outside The Hospital Doors“ gibt es dann auch eben diese einen Übersong mit Poesie und Tiefgang. Das findet man im Anschluss nur noch ansatzweise.
Leider bewegen sich viele Zeilen nur im lyrischen Mittelmaß. Schade, denn so ist und bleibt das 2. Editors-Album nun mal nur ein ordentliches Werk mit einem tollen Opener, das sich aber in seiner Gesamtheit keiner Zeit mit dem wirklich hervoragenden neuen Interpol-Album „Our Love to Admire“ messen lassen kann. Mika-U2-Liebhaber stoßen hier aber auf angenehme Kontraste.

Tocotronic sind zurück. Größer denn je, nochmals um ein Paar Jahre mehr gereift und dann heißt der neue Tonträger auch noch Kapitulation. Was ist nicht schon alles über die Bedeutung dieses Titels geschrieben worden?! Dem sollte man sich mal entziehen. Lassen wir nicht den Verstand sondern Herz und Ohr über die elf Songs entscheiden.
Aber wer die Hamburger Band auch nur im Entferntesten kennt weiß: das ist ein schwieriges Unterfangen. Hier werden noch Werte kritisch begäugt, ja definiert und das Wesen unserer Gesellschaft sabtotiert. Dort wo es am meisten weh tut, dorthin gehen also Tocotronic. Die Singles dazu: „Sag alles ab“ oder eben „Kapitulation“. Dabei sind Zeilen wie „Halt die Maschine an!“ nicht mehr länger beliebige Phrasen. Hier schreiben nunmal die intelligentesten Texter Deutschlands und das zeigt sich auch hier. Wie schön.
Doch einen Verdacht wird man nicht los: will die Band etwa nur spielen? Mit ihrem Mythos, mit ihren Zuhörern, mit der Internet-Konsum-Workaholic-Gesellschaft? Einige Äusserungen im Vorfeld legen das nahe. Hinter der Kapitulation scheint sich ein großer Schatten zu verbergen. Eine eigene Antwort auf alle Fragen und Probleme. Tocotronic. Sie sind sind zuerst explizit, dahinter wieder wage und somit frei jeder Interpretation. Doch genau das ist der Reiz der Platte: sie will dich ganz. Jeden einzelnen unter uns. Wer diesem Wunsch folgt, den erwartet das wohl spannendste und tiefste Album des Jahres. Mit Herz und Verstand. Begleitet von einer leichten, organischen Musik, die genau das erreichte was der pure Minimalismus des Vorgängers verfehlte.

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