Gratulation zu Buch Nummer zwei! War dir wieder fad? Der Vorgänger „You“ll Never Walk Alone“ entstand ja aus Langeweile auf eurer Konzerttour.
Nein, diesmal bin ich einem Drang gefolgt. Ich wollte unbedingt die skurrile Situation erzeugen, dass ein deutscher Deserteur 1943 ins Warschauer Ghetto springt. Und ich wollte von einem Märchenfreak erzählen, der isoliert lebt, benachteiligt wird und irgendwann explodiert.

Klingt ziemlich schräg.
Diese beiden Ideen wollte ich vermischen, dazu benötigte ich eine dritte Geschichte, die das Ganze auflöst. Hierfür müssen zwei Hamburger Grafiker in die bayrischen Alpen. Dies endet im Drogenrauschdesaster mit Leiche. Aber die Geschichten arbeiten tatsächlich alle an einem großen Geheimnis. Dem Buchmanneid.

Der Ich-Erzähler Joseph Schmidt wirkt dabei wie dein Gegenentwurf: ein FCBayern-Fan aus Hamburg, der kifft, Pilz-Trips wirft, wüsten Sex hat …
Genau das hat mir besonders Spaß gemacht. In unseren Songs verarbeite ich meist eigene Gefühle und Erlebnisse – im Roman kann ich auch mal aus einer ganz anderen Perspektive von Dingen erzählen, die ich nie machen würde!

Da bin ich ja beruhigt, in „Grimms Erben“ geht“s schon recht derb zu. Bist du selbst ein Märchenfan?
Also ich sitze nicht ständig daheim und studiere sie – meine Bibel ist und bleibt der „Kicker“. Aber ich bin durchaus märchenaffin und habe noch den Geruch der Kartonbücher von früher in der Nase. Heute lese ich meinen Kindern Märchen vor. Bisweilen verändere ich die Enden, wenn sie zu brutal sind.

2012 ist ja das 200. Jubiläum der Märchen der Gebrüder Grimm. Die stammten aus Hessen … was verbindet sie mit Bayern?
Für mich sind es tatsächlich die Bilder, die ich mir ins Erwachsenenleben gerettet habe: Burgen stehen auf irgendwelchen Felsen, die Häuschen im Wald sehen aus wie Almhütten. Oder diese Findlinge, die bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen rumliegen: Da habe ich sofort das Mystisch-Geheimnisvolle des Alpenlands vor Augen.

Und wo ist München märchenhaft?
Oh, an vielen Orten – wenn man entsprechend guckt: In der Früh zum Beispiel, wenn überm Olympiapark die Sonne aufgeht und der Nebel über die hügelige Landschaft bei der Olympiaalm wabert. Im Nordteil des Englischen Gartens stehen entlang der Isar kleine, frisch gepflanzte Tannen, zwischen denen jederzeit ein Zwerg raushupfen könnte. Auch der Flaucher ist bei gewissem Lichteinfall märchenhaft.

Zeit, all das zu genießen, bleibt dir wohl kaum: Neben der Arbeit am neuen Sportfreunde-Album bist du mit deinem Buch unterwegs. Was ist dir wichtiger: Schreibutensilien oder Musikinstrument?
Schwierig, wenn ich Songs texte, lässt sich das gar nicht trennen. Als Erstes sehe ich mich als Musiker und dann – sei es zur Inspiration oder um Abstand zu gewinnen – hier und da als Schreiber. Oder noch besser: als Geschichtenerzähler, ich liebe das Lausbubenhafte. Das war sicher nicht mein letztes Buch, und wer weiß, wenn mir bei der Musik nichts mehr einfällt, werde ich vielleicht doch noch ein echter Autor!

Das Gespräch führte Tina Rausch