Frau Sperr, der „bekannteste Münchner aller Zeiten“ ist Ihnen zufolge Ludwig II. Sticht nicht doch der Kaiser Franz Beckenbauer den Märchenkönig?
Kommt aufs Zeitalter an. Zurzeit sind beide wohl weltweit auf einem Rang: Wenn man Münchens bekannte Persönlichkeiten abfragt, kommt sicher jedem Japaner erst mal Ludwig II., dann Beckenbauer in den Sinn. Oder umgekehrt. Beide stehen für München, sie sind die Schwergewichte.

Auch Ihre persönlichen?
Beim Schreiben hatte ich andere. Karl Valentin war zum Beispiel nicht nur Volksschauspieler und -sänger, sondern ein großer Surrealist. Leider wurde er nicht so berühmt, er war ein verkannter Künstler. Auch über Franz Josef Strauß habe ich gern geschrieben. Weil er so eine zwielichtige Person war: einerseits eine Sau, dann hatte er aber auch wieder was ganz Nettes. Solch schillernde Figuren, aber eben auch verkannte Personen sind spannender als die ganz glatten.

Ihr Buch besticht durch Details. Selbst über die, von denen ich schon viel zu wissen glaubte, habe ich Neues erfahren. Was hat Sie selbst am meisten überrascht?
Alles! Ich bin beim Schreiben von einem Erstaunen ins nächste gefallen – obwohl ich Münchnerin bin. Allerdings war ich ein paar Jahre weg und habe einiges nicht mitbekommen. Völlig perplex war ich, als ich am Promenadeplatz plötzlich vor dem Michael-Jackson- Denkmal stand: all diese kleinen Engelchen, Herzchen und Schleifchen, unglaublich. Einige Viertel habe ich mir ganz neu ergangen, das Gärtnerplatzviertel zum Beispiel.

… in dem Ihr Porträt über Rainer Werner Fassbinder beginnt.
Dafür habe ich einen halben Tag nach dem „Du fehlst!“- Graffito gesucht! Ich hatte es ganz groß in einem Buch über Graffiti in München entdeckt und mir daher auch ein riesiges Bild vorgestellt. Es ist aber winzig, versteckt in einem Türsturz eines Clubs in der Klenzestraße.

Was aufällt: Mit Franziska zu Reventlow und Sophie Scholl haben es nur zwei Frauen ins Buch geschafft …
Mir fehlen Therese Giese und Erika Mann. Aber das hatte ich nicht alleine zu entscheiden, sondern zusammen mit dem Verlag. Zum Glück, denn bei so einem Buch weiß es jeder besser. Und während des Schreibens geraten natürlich noch zehn andere ins Blickfeld. Moshammer hätte ich gerne gehabt, aber im Grunde ist er mit seiner König-Ludwig-Perücke, seinem Daisylein und seiner Mama dann doch zu läppisch. Auch wenn er einen Trauerzug hatte – ich glaube, da waren mehr Leute als bei Franz Josef Strauß. Ein Wahnsinn.

Für Ludwig II. war München ein „verfluchtes Nest“, für Thomas Mann leuchtete es. Was ist es für Sie?
Das wechselt je nach Laune. Wenn ich zu lange hier bin: ein verfluchtes Nest. Dann denke ich mir, oh Gott, alles ist gewienert, geputzt und wirklich jeder Türknauf aus Messing. Wenn ich aber nach längerer Zeit beispielsweise aus Berlin zurückkomme dann genieße ich, wie schön, sauber, propper und wunderbar München ist. Dann leuchtet es.

Das Gespräch führte Tina Rausch