Geruchsalarm!
München, Glockenbachviertel, eine x-beliebige, mittlerweile rauchfreie Kneipe: Es menschelt. Riecht nach Pumakäfig. Müffelt. Modert. Der blumig parfümierte Stinkbär auf dem Barhocker hat sich offenbar seit Tagen nicht gewaschen. Und aus dem WC-Bereich weht eine steife Brise. „Da hat jemand Leber gegessen“, rümpft ein Tischnachbar die Nase. Wir gehen raus, diskutieren das aber nicht aus. Eingangstür zu, Frustfluppe an. Schweigen. „Wie findet ihr das Rauchverbot?“, fragt plötzlich Lisa, eine hübsche junge Frau, die allein neben dem Aschenbecher steht und Rauchkringel in den Nachthimmel pustet. „Ich find’s eigentlich ganz gut.“ Wir auch! Denn, Raucherlunge sei Dank – wir sind mit der hübschen Lisa ins Gespräch gekommen! Ein einziges Gesetz, unheimlich viele Folgen: Die Nichtraucherverordnung eröffnet völlig neue Perspektiven – positive wie negative.

The Good, The Bad and the Smirting
Negativ: Seltsame Gerüche ärgern die Nase. Schweiß. Bratfett. Billigparfüm. WC-Stein. Positiv: Die Kleidung stinkt nicht mehr wie nach einem mittelschweren Buschfeuer. Negativ: Wir frieren uns den Arsch ab. Fünf Grad unter null – und die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte kommen kaum noch mit Erkältungsmitteln nach. Positiv: Lisas Telefonnummer. Nie zuvor konnte man mit dem anderen Geschlecht so leicht flirten. Oder mit Heizpilzen kuscheln. „Smirting“ nennen die Engländer das – Smoking und Flirting. Die BBC brachte neulich sogar einen Bericht über frustrierte Londoner Nichtraucher, die alleine im Pub hocken und in ihr „Pint of Lager“ starren, während ihre Raucher-Kumpels draußen auf Teufel komm raus smirten. Einer der einsamen Nonsmoking-Singles am Tresen konstatierte entnervt: „Ich ziehe wirklich ernsthaft in Erwägung, Raucher zu werden.“

Draussen vor der Tür
Überall dasselbe Bild: Qualmende Menschentrauben auf den Bürgersteigen, die Passanten den Weg versperren. Dennoch: „Die Leute verhalten sich erstaunlich vernünftig“, findet Roland Schunk vom Atomic Café. „Es gab bisher kaum Ärger. Die allermeisten Gäste gehen anstandslos vor die Tür, wenn sie rauchen wollen.“ Was in manchen Fällen – je nach Lage – die Anwohner auf die Palme bringt, die sich über die nächtliche Lärmbelästigung durch angeheiterte Andersatmer aufregen. „Die Einsätze wegen Lärmbelästigung haben im Januar zugenommen“, sagt eine Pressesprecherin des Polizeipräsidiums München. „Genaue Zahlen, wie viele davon wegen vor Kneipen rauchenden Gästen verursacht wurden, gibt es allerdings nicht – das wird in unserer Statistik nicht erfasst.“ Zu den Brennpunkten zählen der gesamte Innenstadt-Bereich und Schwabing, weil dort die höchste Kneipendichte herrscht. 34 Einsätze verzeichnet die Münchner Polizeistatistik im Januar wegen Nichteinhaltung des neuen Rauchergesetzes, eine erstaunlich niedrige Zahl, die sich eigentlich nur durch eine gewisse Mitleidstoleranz gegenüber Rauchern erklären lässt. Und auch der PRINZ-Selbsttest ergibt: Niemand sagt was! Gefühlte 200 Augenpaare richten sich auf uns, als wir uns eine anzünden. Getuschel. Geraune. „Guck mal, die rauchen! Boah, krass.“ Geschmeckt hat sie nicht, die Kippe. Weil 200 andere mitgeraucht und jede unserer Bewegungen mitverfolgt haben. Wer heute auffallen will, braucht weder ein 3000-Euro-Outfit von Dior noch einen durchsichtigen Müllsack mit handgehäkelten Hodenwärmern – rauchen reicht! Eingangstür auf, Rebellions-Rothändle an. Hust.

Geschlossene Gesellschaft!
Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen die sogenannten geschlossenen Gesellschaften: Man darf, erstens, drinnen rauchen – und umgeht so, zweitens, Ruhestörungen durch Bürgersteigpaffer. Vorreiter war Wolfgang Baier, der Wirt der Bar Centrale in Schwabing. Baier funktionierte seinen Laden bereits im November ’07 zum Raucherclub um, indem er den Zugang zum Lokal von einem Kartenlesegerät für Mitgliederausweise abhängig machte. Mit Erfolg: Der Laden brummt. Gleiches erhofft sich auch Filip Cerny vom Valentin Stüberl: Seit 9. Februar ist das Stüberl „eine geschlossene Gesellschaft, aber kein Raucherclub oder Verein“, wie es der Geschäftsführer ausdrückt. Den Zugang regeln Cerny & Co über einen speziellen Türschlüssel, den man für zehn Euro an der Bar erwerben kann. „Über 500 Anfragen haben wir schon bekommen,“ so Cerny, und wir können nicht garantieren, dass jeder Antragsteller tatsächlich auch einen Schlüssel erhält. 40 Prozent davon sind Nichtraucher, die reine Nichtraucherkneipen langweilig finden.“

Vereinsmeierei
Fein raus sind auch die Mitglieder des „Vereins zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur“ (VEBWK). Wirte können sich als Vollmitglied, Gäste als Gastmitglied anmelden. Sind beide Parteien registriert, darf das Feuerzeug gezückt werden. 10 000 Bayern wollen auf die Fluppe nicht verzichten und sind bereits beigetreten – ebenso wie viele Wiesn-Festzeltwirte (z. B. Hippodrom, Augustiner, Schottenhamel). An-meldeformulare unter www.rauchenerlaubt.de

Die Gondeln entschweben
Nicht mehr erlaubt sind dafür neuerdings all die lustigen Ideen, die sich die Münchner Wirte zur Umgehung des Verbots einfallen ließen – wie etwa die ausrangierten Skilift-Gondeln, die im Innenhof vom Zoozie’z oder am Milchhäusl im Englischen Garten stehen. Knapp vier Wochen lang sah sich das KVR, seines Zeichens amtlicher Spielverderber vom Dienst, die Ideen der Wirte an, um dann gnadenlos zuzuschlagen. Argumentation: unerlaubte Nebenräume für Raucher. Stehen bleiben dürfen sie, aber drinnen qualmen ist passé. Gleiches gilt für Zelte, Strandkörbe und Ähnliches. Und auch die Heizpilze erregen immer mehr Ärgernis. „Das ist doch reine Energieverschwendung!“, grantelt ein älterer Passant, ein Münchner Archetyp mit Spazierstock und Rauhaardackel. „Überall wird versucht, Energie zu sparen, aber hier wird sie in den Himmel geblasen.“ Also doch lieber die gute alte Wolldecke? Brennende Mülltonnen wie in der Bronx? Dehn- und Lockerungsübungen zur Sportzigarette? Ein-Mann-Zelte mit integrierten Nierenwärmern? Mauerdurchbrüche in Innenhöfe, wie es das Atomic Café (leider vergeblich) geplant hatte? Mobile Raucherbusse? Wir werden sehen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und Lisa? Ist eigentlich Nichtraucherin. „Ich paffe nur ab und zu, um neue Leute kennenzulernen.“ Ist dir gelungen, Lisa, ist dir gelungen!