Carl Heinz Daxl in seinen eigenen Worten: „1959 geboren, Vaters Ölbilder mit Kugelschreibern bekritzelt, erst Ärger, dann eigenen Malkasten bekommen – später Maler und Illustrator geworden. Dazwischen Kind, Heizungsbauer, Offizier und Pilot gewesen. Design studiert, eigene Werbeagentur gegründet, jetzt endlich nur noch Maler und Illustrator.“ Er grinst. Ausstellungen auf der halben Welt und regelmäßige Illustrationen im Wirtschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“. Mitten in seinem lichtdurchfluteten Atelier, das mal ein Lagerhaus war, steht eine Wanne, die er füllt, wenn er farbverschmiert aus dem kleinen Arbeitsraum nebenan kommt. „Da sieht’s nicht so sauber aus wie hier“, sagt er. Und längst nicht so poppig: Hirschgeweih in der Ecke, Propellerflugzeug an der Decke, aufblasbarer Killerfisch an der Wand, Miniskelett auf dem Sicherungskasten, Plastikfigürchen in Setzkästen, Feuer speiender Drache vorm Fenster – ein Mann der Gegensätze. Wie seine Gemälde: grellbunte Großkaliber mit hinterfotzigem Humor und ernsten Aussagen. Seinen Einzug in die alte Wiede-Fabrik bezeichnet er als „die beste Entscheidung meines Lebens“, das Leben hier als „Essenz von Heimat“. „Mich müsste man hier raustragen – ich geh hier nicht mehr weg!“


Rüber zu Claudia Grögler, einer Kollegin. Der Innenhof: zeitlos. Eigenwillig. Märchenhaft. An der Hausmauer lehnt eine alte Gasflasche, vor tonnenschweren Eisenzahnrädern blühen zarte Rosen. Über allem thronen seit 80 Jahren die Türme des alten Gaswerks. Ein paar Jahre waren sie unbewohnt, bis sich neues Leben entfaltete. Claudia Grögler war 1992 die Erste, die in die Fabrik zog und sich in einem der Türme ihr Atelier einrichtete. Zwei Stahlkessel dominieren ihr Reich, in denen von 1928 bis 1985 Acetylen gespeichert wurde, ein ungiftiges Gas, das zusammen mit Sauerstoff zum Schweißen verwendet wird. Das Schweißen wich dem Malen, aber der industrielle Charakter blieb erhalten – Kupferrohre, Drehräder, Geräte und Bottiche erzählen Geschichten aus vergangenen Zeiten. Die studierte Innenarchitektin renovierte – wie alle hier – auf eigene Kosten und beschränkte sich fortan auf die Kunst. „Ich male nur Menschen“, sagt sie, und ihre reduzierten, aufs Wesentliche konzentrierten Porträts unterstreichen, um was es hier geht: Menschen, Kunst und ihr Zusammenleben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Andreas Wiede-Kurz die Künstler für die Wiede-Fabrik aussucht.


35 Kreative haben in der Wiede-Fabrik ein Zuhause gefunden: Maler, Fotografen, Bildhauer, Performer, Metallarbeiter, Konzept- und Installationskünstler. „Wir sind für alle Richtungen offen“, sagt Andreas Wiede-Kurz, der all das hier ermöglicht: Ihm gehört das zwei Hektar große Fabrikareal im Münchner Nord- Osten. Jeder andere hätte es als attraktives Baugelände zum höchstmöglichen Preis verkauft, doch der Mediziner hatte nach der Überschreibung andere Pläne: Er wollte ein „Dorf in der Stadt“ bauen. „Ich bemühe mich, etwas Sinnvolles zu fairen Konditionen zu erschaffen“, sagt der passionierte Hobbyfotograf, der sich schon immer für Kunst interessiert hat. „Ich habe eine familiäre Beziehung zu dem Gelände – ein ideeller Wert, der mit Geld nicht zu bezahlen ist.“ Die Künstler, die hier aufgenommen werden (die Wartelisten sind lang, die Räume knapp), sollen „etwas zu sagen haben, denn Kunst kommt sprachgeschichtlich von dem Verb künden – und ich kann sehr wohl zwischen seriösen und unseriösen Künstlern unterscheiden, zwischen echten Botschaften und bunten Bildchen zur Dekoration“.
Da grinst Tausendsassa Carl Heinz Daxl wieder wissend, steht neben einem Schild mit der Aufschrift „Explosionsgefahr“ – und zündet sich erst mal eine an.
Elmar Salmutter

Wo wir gestaunt haben
Wiede-Fabrik Das verwunschene Gelände nebst efeuüberwucherter Villa Kunterbunt ist nur 200 Meter vom S-Bahnhof Johanneskirchen entfernt.

Wo wir feiern werden
Gemeinschaftsausstellung Wiede-Fabrik Maler, Fotografen, Bildhauer, Performer, Metallarbeiter, Konzept und Installationskünstler öffnen ihre Ateliers.
Vernissage 5.2., 19 Uhr; 6.2. 19-23, 7.2., 15-23, 8.2., 14-18 Uhr