Für mich als notorisch leidgeprüften Sechzger-Fan ist es spannend zu beobachten – das Zerbröseln des Rückgrats beim gemeinen FCB-Fan. Sonst kennt man ihn ja nur polternd, siegessicher und ebenso breitbeinig wie breitbrüstig. Jetzt lernt er endlich, wie sie schmeckt – die kontinuierliche Niederlage. Während des Champions-League-Matches zwischen den beiden FCBs – dem aus Bayern und dem anderen – bot sich in Münchens Bars und Kneipen überall dasselbe Bild. Ob im Substanz, im Klenze 17, im Ed Moses oder entlang der Leopoldstraße – die Barca-Treffer fielen so schnell, so unerbittlich, dass den gerne lauthals Tore von ihrer Mannschaft einfordernden FCB-Fans die Luft wegblieb. Stille. Runtergeklappte Unterkiefer. Und immer noch: Stille. Obwohl ich mich schon ein Leben lang mit diesen Angebern herumschlagen muss, taten sie mir in diesem Moment fast ein bisschen leid. Sie sind’s halt nicht gewöhnt, die armen Hascherln.

Der Sechzger-Fan an sich lässt ja schon seit Jahr und Tag und auch mit gutem Grund den Kopf hängen. Er ist, so würde der Psychiater konstatieren, halt ein Masochist. Oder, auf Neudeutsch: ein Emo. Für den siegverwöhnten Organismus eines Bayern-Fans war das Geschehen in Barcelona dagegen fast schon lebensgefährlich: Schockstarr und mit tränennassen Wangen umklammerten selbst gestandene Männer in den Münchner Sportsbars ihre Biergläser. Doch die Roten wären nicht die Roten, hätten sie nicht die Power, das Spiel zu drehen. Ganz klar, ein Schuldiger musste her. Und der war auch schnell gefunden. Gleich am nächsten Tag fand die Fangemeinde ihre Stimme wieder – unter anderem auf Facebook. Dort tauchte schon frühmorgens das Quiz „Wie sehr hasst du Jürgen Klinsmann?“ auf. Und egal ob der erboste Fan bei der Frage „Welchen Beruf hast du?“ nun „Bäcker“, „Metzger“, „Installateur“ oder „Elektriker“ antickte, egal ob er sich für das System „08-15“, „4-2-2“, „4-3-1“ oder „6-6-6“ entschied – heraus kam immer „Du hasst Klinsi!“ Hass statt Leidensfähigkeit – die Roten haben halt mit Emo nichts im Sinn … Lotte Darcy