„Also, das Buch war besser als der Film!“ Fällt Ihnen auf die Schnelle ein Gegenbeispiel ein?
Viele. Von Viscontis „Tod in Venedig“ über Kubricks „2001 – Odyssee im Weltall“ bis zu Spielbergs „Duell“.

Was ist das beste Mittel, um sich als Kritiker nicht selbst zu ernst zu nehmen?
Lesen.

Sie wirken manchmal wie ein Fan. Ist das vielleicht auch Ihr Trick?
Ich habe keine Tricks. Als Kind war ich tatsächlich ein „Fan“ von Science-Fiction- und Fantasy-Autoren wie Frederik Pohl oder Jack Vance. Aber die Froschperspektive taugt selten zu Portraitaufnahmen.

Sie müssen oft miese Bücher lesen. Sind Sie deshalb so gemein in Ihren Rezensionen, weil der Autor Ihre Zeit verschwendet hat?
Gemein – ich? Im Vergleich zu den intellektuellen Zumutungen der Bücher einer Susanne Fröhlich oder Charlotte Roche, Ildyko von Kürthy oder E.L. James bin ich ein Lämmchen der Literaturkritik. Auf einen groben Klotz gehört nun mal ein grober Keil.

„Schundprosa“ ist aber ein gemeines Wort. Das haben Sie über „Shades Of Grey“ von E.L. James gesagt.
Ich werde gut dafür bezahlt, die Wahrheit über Bücher zu sagen. Das kann in Kreisen, die fromme Lügen gewohnt sind, mitunter verstören.

Bewahren Sie eigentlich alle Bücher auf, die Sie gelesen haben?
Aber ja, gleich neben den alten Ausgaben von „Prinz“ – in meinem Kamin.

Was halten Sie von eBooks? Droht dem Buchhandel das gleiche Schicksal wie der Musikindustrie durch mp3-Dateien?
Nein. Die Buchbranche beschwört schon seit der Ablösung der Rolle durch den Codex in der Antike, dass ihr demnächst der Himmel auf den Kopf fällt. Wir erleben einen kleinen Medienwandel. Das ist eher ein Privileg als ein Grund zu Besorgnis. Wahrscheinlich wird das Ebook dem Taschenbuch Marktanteile abgraben. Das bringt mich nicht um den Schlaf.

Werden wir Sie bei den Stuttgarter Buchwochen treffen?
Nein, da war ich noch nie. Sie werden lachen, aber ich besuche in meiner Freizeit kaum Lesungen, sondern gehe lieber ins Theater oder in die Oper. Und bei allem Verständnis für lokalpatriotische Anwandlungen: ich bin zwar in Stuttgart geboren, lebe aber seit Jahrzehnten in Köln.

Können Sie mir ein Buch empfehlen? Ich interessiere mich für Rock“n“Roll und Totschlag.
James Tiptree Jr., „Zu einem Preis“, gerade erschienen im kleinen Septime Verlag. Schon dass sich die amerikanische CIA-Agentin und promovierte Psychologin Alice B. Sheldon Ende der 60er für ihre Science-Fiction-Stories hinter einem männlichen Pseudonym verbarg, macht sie interessant. Wer aber Tiptress Geschichten liest, sieht die Welt mit anderen Augen. Unvergesslich etwa ihre Erzählung über einen „Femizid“, wo Männer weltweit in einem Anfall von Massenwahnsinn alle Frauen töten, worauf der Vatikan ein bemerkenswertes Kommunique veröffentlicht, wonach Gott die Frau ja auch nur als zeitweilige Gefährtin des Mannes geschaffen habe.

Das Gespräch führte Michael Setzer