Wir sitzen gerade im Scholz. Wie sehen deine Weggehgewohnheiten im Städtle sonst aus?
Tagsüber sieht mich die Stadt selten. Abends aber fast überall. Ich vermeide die Theodor-Heuss-Straße und treibe mich lieber um den Hans-im-Glück-Brunnen, im Keller Klub, dem Wurst und Fleisch oder dem Speakeasy rum.

Wo hast du die besten Konzerte in Stuttgart erlebt?
Meine ersten Konzertbesuche waren alle im LKA. Deshalb finde ich es auch so geil, jetzt wieder dort zu spielen. Casper im LKA war jedenfalls ziemlich geil. Was ich auch nie vergessen werde, waren Goose oder Fotos im Schocken.

Ähnlich abwechslungsreich verlief auch deine Karriere: Nach Punk-Anfängen bist du im melancholischen Singer/Songwriter-Metier gelandet.
Ich hatte eben keine Band. Da ich dennoch Songs schreiben wollte, schrieb ich sie am Klavier, das konnte ich wenigstens spielen. Und am Klavier entsteht eben fast immer eine Ballade.

Und woher kommt die Melancholie?
Die liegt in meiner Persönlichkeit. Würde ich in einer Rockband spielen, wäre es melancholischer Rock. Dieses Gefühle kann ich am besten vertonen.

Bist du dennoch stilmäßig frei?
Weiß ich nicht. Ich suche als Konsument ständig nach neuer Musik – und so ist es auch als Musiker. Die Melancholie ist besonders ausgeprägt bei mir, eine andere Seite ist aber, dass ich ziemlich gern auf der Bühne abgehe.

Es steckt also doch noch ein Punk in dir?
Ja, der kommt auf jedem Konzert zum Vorschein.

Man vergleicht dich gern mit Rio Reiser oder Bob Dylan, im Video trägst du ein Joy Division-Shirt…
Deshalb kommen so unterschiedliche Leute zu meinen Konzerten: Komplett zutätowierte Menschen spricht es ebenso an wie Leute im Anzug.

Du kannst also gut mit diesen Vergleichen leben?
Vergleiche liegen in der Natur des Menschen. Ich finde sie okay, solange man nicht in eine Schublade geschoben wird. Und das ist in der deutschen Songwriter-Szene gerade leider sehr extrem…

Aporpos: Macht dich der Erfolg eines Philipp Poisel nervös?
Eigentlich gar nicht. Philipp Poisel höre ist selbst gern und ich freue mich darüber, dass Stuttgarts Musikszene gerade so aufblüht.

Du lebst also gern in Stuttgart?
Sehr gern sogar. Ich wüsste auch nicht, warum ich die Stadt verlassen sollte. Ich wohne etwas außerhalb, kann also beides haben: Den Lärm der Stadt und die Ruhe des Waldes. Stuttgart ist mein Rückzugspunkt. Ich bin froh, dass es hier nicht nur Szene gibt. In Berlin hat man beispielsweise das Gefühl, dass man durch eine Hipster-Modezeitschrift läuft.

Dennoch singst du über das „Mädchen aus Berlin“…
Dieser Song basiert eben auf einer wahren Geschichte. Und was ist mit den Stuttgarter Mädels? Klar, es gibt auch Songs über Stuttgarter Mädchen. Recht viele sogar…

Das Gespräch führte Björn Springorum