MITTENDRIN UND DOCH WEIT DRAUSSEN: DAS BOHNENVIERTEL

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Donnerstag Nachmittag. „Bonjour Tristesse“, denkt man. Sandra und Micha spazieren durchs Bohnenviertel und entdecken ihre Stadt neu. Denn Stuttgarts ältestes Viertel, das im 15. Jahrhundert außerhalb der Stadtmauer entstand, ist eigentlich ein Dorf inmitten der City, eine pittoreske Seite der Stadt, mittendrin und doch so weit draußen. Und ein Stadtteil der Gegensätze, einer, in dem Multikultur auf Highclass trifft. Schon Literat José F.A. Oliver, der 1988 Stipendiat in dem verwinkelten Schriftstellerhaus in der Kanalstraße 4 war, wusste dieses einmalige Flair zu schätzen: „Die Atmosphäre war faszinierend: In einer Stadt zu leben und gleichzeitig sehr geborgen sein in dem alten Haus.Man konnte losziehen und war dennoch geschützt.“ Losziehen ist ein gutes Stichwort: Sandra und Micha spazieren durch die Rosen-, Brenner-, Wagner- und Pfarrstraße, die so wunderbar parallel laufen wie Zebrastreifen. Nur dass hier nichts schwarz-weiß ist, sondern alles in Sepiafarben gehalten scheint. „Es ist die Herzkammer der Innenstadt“, sagt Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin Mitte und zuständig für das Viertel. Für das Bohnenviertel gibt es keine neuen Gastrokonzessionen. Denn dieser ‘Kiez‘ soll ein urbanes Wohngebiet bleiben, Nachtclubs und Rotlicht gehören ein paar Meter weiter ins Leonhardsviertel. Markus Pfrommer vom Basta würde sich hingegen über noch mehr Konzessionen freuen. „Ein Altstadtviertel lebt doch von den Kneipen“, sagt er. Pfrommer, der seit 23 Jahren im Basta arbeitet und das Restaurant vor einem Jahr übernommen hat, schätzt die Beschaulichkeit des Viertels. Aber natürlich vermisst er die Aufbruchstimmung der alten Tage. „In den 70er Jahren war hier jede Menge los. Da haben die Hippies das Viertel für sich entdeckt und jede Menge Antiquitätenläden und Schmuckgeschäfte eröffnet.“ Armin Friedl, Kulturjournalist, lebt seit sechs Jahren im Bohnenviertel und weiß dessen Vorzüge zu schätzen: „Es liegt absolut in der Innenstadt. Alles ist zu Fuß zu erreichen.“ Und trotz der Lage sei es vergleichsweise ruhig. „Und es gibt einen interessanten Architekturmix, der das alte Stuttgart und Neueres verbindet.“ Hier gibt es an jeder Ecke etwas zu entdecken – und auch in so manchem Hinterhof, wie etwa das Bitter Sweet. „Eigentlich wollten wir aufs Land“, sagt Markus Amesöder. Jetzt hat er im Bohnenviertel – in Stuttgarts ländlichster Gegend – das Bitter Sweet eröffnet.Was im 19. Jahrhundert Stallungen einer Brauerei waren, ist heute ein schmuckes Kleinod, das man so eher in der Provence vermuten würde. Interessantes Design und Gäste aus aller Welt treffen im Zauberlehrling aufeinander. Das Hotel und Restaurant von Axel und Karen Heldmann ist klein und so besonders wie das Viertel selbst. Seit vielen Jahren fühlen sie sich hier wohl. Mit ansässigen Schlossern und Schreinern arbeiten sie zusammen, Axel Heldmann ist Vorstand des Handels- und Gewerbevereins, der auch das alljährliche Bohnenviertelfest veranstaltet. In diesen lauen Sommernächten ist hier kein Durchkommen mehr, da drücken sich die Massen durch die Gassen – und sorgen für ein umtriebiges Durcheinander. An den anderen Jahrestagen sieht das schon anders aus. Das Bohnenviertel sollte schleunigst wiederentdeckt werden, bevor es Staub ansetzt. Die hiesigen Kiez-Kids nennen es dennoch charmant „South-Central“, ein Label, das für mehr Freiheit und Akzeptanz stehen könnte. Die Multikultur im Viertel sei „Chance und Problem zugleich“, sagt Kienzle, die wöchentlich damit beschäftigt ist, den Straßenstrich aus dem Viertel fern zu halten. „Auch aus stadtplanerischer Sicht muss man sich entscheiden, wohin man will“, so Kienzle. Ziel sei es, die Mischung aus jung und alt, Kunsthandwerk und Handwerk sowie Bourgoisie und Prekariat unter einen Hut zu bringen. „Für die einen ist das Bohnenviertel Village Vanguard, für die anderen Bronx“, sagt Kienzle. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein hier. Graue Wolken ziehen auf.Micha und Sandra genießen den Nachmittag im Hüftengold. Und draußen regnet es.