Purgatory, das heißt soviel wie Fegefeuer. Doch die junge Frau, die mir gegenüber sitzt, wirkt eher ausgeglichen denn aufbrausend. Einzig die schrille Haarfarbe und ihre zahlreichen Tattoos machen dem Künstlernamen alle Ehre. „Zu unserem Sport gehört ein Pseudonym dazu – je kämpferischer das klingt, desto besser.“ Polly ist seit zweieinhalb Jahren Mitglied des ersten deutschen Rollerderby-Vereins „Stuttgart Valley Rollergirlz“. Sobald sie mit Rollschuhen und Knieschützern über die Bahnen fegt und ihren Konkurrentinnen knallharte Bodychecks verpasst, ist sie in ihrem Element. „Da kann ich so richtig schön aggressiv sein“, schwärmt sie. Doch es steckt mehr hinter ihrer Liebe zum Sport: „Es ist eine Art Lebenseinstellung. Ich fühle mich der Punk- und Rock’n’Roll-Kultur verbunden, da geht’s ja auch wild zu.“

Die ersten Trainingseinheiten absolvierte sie im Parkhaus des LKA, doch damals wurde sie samt der Sportart noch belächelt. Das ist nun anders: Ihr Territorium beschränkt sich nicht nur auf Deutschland, auch in England tritt sie mit dem Verein regelmäßig bei Wettkämpfen, genannt „Bouts“, gegen andere Teams an – zuletzt in Birmingham. Und es läuft blendend: Seit einem Artikel im „Spiegel“ ist das mediale Interesse an ihrem Verein deutlich gestiegen. „Ich genieße das jetzt sehr. Endlich zahlt sich die harte Arbeit aus“, freut sich Polly. Ende November saß sie bei Stefan Raab auf der Couch. Ob sie ihm den Kommentar „Tussisportart“ verziehen hat? „Solche Aussagen lassen mich absolut kalt.“

Sie ist merklich stolz auf das, was sie und die Rollergirlz in den vergangenen Jahren erreicht haben. Trotzdem sei es noch immer schwer, eine adäquate Halle fürs Training zu finden, die auch von der Größe her passt. Auf die Frage, ob ihnen die Stadt Stuttgart da einen Strich durch die Rechnung machen würde, antwortet Polly: „Sie ist uns zumindest keine Hilfe. Es sollte endlich respektiert werden, dass wir die Stadt im Ausland bekannt machen und im Inland dafür sorgen, dass Stuttgart nicht als verschlafenes Nest gilt.“

Drei Mal pro Woche trainiert sie im Übrigen im Jugendhaus Ost und im MTV Stuttgart, zudem kümmert sie sich um die Internetseite sowie um die Pressearbeit für die Rollergirlz. Ein strammes Programm, denn immerhin befindet sie sich gerade in den finalen Zügen ihres Englisch- und Geschichtsstudiums, arbeitet beim SWR im Hörer- und Zuschauerservice und steht am Wochenende in einem Stuttgarter Club hinter der Bar. „Das alles reizt zwar mein Organisationstalent bis ins Letzte aus, aber das investierte Herzblut ist es wert“, betont Polly. Ihr Blick fällt auf die Uhr. „Oh, ich muss los. Die Bibliothek ruft.“ In wenigen Tagen steht die letzte mündliche Prüfung in Geschichte an – ein Bout mit der Universität, sozusagen.

Unser Autor Jan Votteler leitet das Nachtleben-Ressort der Stuttgarter PRINZ-Redaktion. Mit Polly Purgatory war er Mittagessen im: Ristorante Salve Neue Weinsteige 8, Süd,Tel. 693 79 30 Mo-Fr 11-15/18-1, Sa/So 17.30-1 Uhr, ristorante-salve.de