HEISSBEGEHRT UND SCHÖN GEERDET: DAS HEUSTEIGVIERTEL

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8.30 Uhr, Mozartstraße: Ein buntes Völkchen umringt die Stehtische – im Herbert’z ist Hochbetrieb. Zwischen Klavier, Trödel und antikem Bosch- Kühlschrank wollen alle noch ihren Kaffee trinken oder Zeitung lesen, bevor der Alltag sie wieder aus der urigen Espressobar, der mittlerweile 15 Jahre alten Heusteigviertelinstitution reißt.Hinter der großen Elektra-Kaffeemaschine mit den Messingflügeln steht Kim Okolowski: „Zu uns kommt einfach jeder, vom Müllman bis zum Architekten oder Juristen“, sagt er. Kennen tut er sowieso die meisten: „Es ist wie eine kleine Dorfgemeinschaft. Man wird hier schnell aufgenommen und auf der Straße oft gegrüßt.“ Anonymität sei anderswo, sagt er und bringt es knackig auf den Punkt: „Das Heusteigviertel ist ein geiles Viertel.“

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9.30 Uhr, Heusteigstraße: „Die schönen Häuser machen die Gegend zu etwas Besonderem“, hat Kim Okolowski zum Abschied gesagt. Stimmt, denn tatsächlich ist das Viertel voller Architekturperlen. Viele der Gründerzeit- und Jugendstilbauten überstanden den Krieg unversehrt. So wie das Haus mit der Nummer 45, wo heute auch Fernsehkoch Sante de Santis sein italienisches Restaurant „Er Cuppolone“ betreibt. Hier war zwischen 1947 und 1961 der Landtag untergebracht – und stimmte 1952 der Vereinigung von Baden und Württemberg zu. Und im Zwischendurch- Plenarsaal, der eigentlich ein wunderschön ausgemalter Theatersaal ist, hatte die Kunstakademie auch mal eine Probebühne.

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11 Uhr, Bummeln: Viele kleine Läden und Werkstätten sind in den Erdgeschossen zu finden: Handwerker, Designer, Künstler und ausgefallene Läden wie das Such & Find mit allem, was Sammlerherzen begehren, oder Kunstgalerien haben hier ihre Heimat. Genauso wie das schwullesbische Zentrum Weißenburg. Die Vielfalt und Buntheit ist nicht zuletzt ein Verdienst des Vereins Arbeitskreis Heusteigviertel, der sich hier für die Verbesserung der Lebensund Wohnqualität einsetzt. „Die Leute sollen vor Ort einkaufen können“, sagt Rupert Kellermann, der seit zehn Jahren die Vereinsarbeit vorantreibt. Und tatsächlich findet man hier neben Supermärkten auch die Traditionsbäcker Hafendörfer und Weible sowie weitere kleine Spezialitätenläden wie die Asia-Ecke oder das Casa Granada, das spanische Lebensmittel und frischen Fisch anbietet. Und natürlich „Fred’s Lädle“, wo es von der Tageszeitung über den Tabak, Schulhefte, bis zu Kaffeetassen und Einkaufskörben einfach alles gibt. Kellermann schätzt sein „schnuckeliges“ Viertel aber auch deshalb, „weil man alles zu Fuß machen kann“ und mit dem Fahrrad in ein paar Minuten mitten auf dem Schlossplatz ist. Der Höhepunkt des nachbarschaftlichen Get-Togethers ist alljährlich im Juni aber das vom Arbeitskreis organisierte dreitägige Heusteigviertelfest mit jeder Menge Livemusik, bunten Ständen und bis zu 15 000 Besuchern.

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13 Uhr, Ecke Schlosser-/Weißenburgstraße: Mittagspause bei Rosa Mischitelli im Attimi, die täglich ihre Kundschaft mit einem frischen Tagesgericht, getoasteten Panini und selbstgemachten Kuchen und Desserts verwöhnt. Auf eine Pizza ins Nostalgia di Napoli? Nudeln essen im Valentino? Oder die nette Thai-Theke Sabai Sabai belagern? 17 Uhr, Wilhelmsplatz: Freitag ist Markttag – und zwar überwiegend Bio! Auf dem Platz, auf dem bis 1811 Verbrecher öffentlich hingerichtet wurden, bieten heute Händler aus der Region ihre Erzeugnisse an. Darüber freut sich natürlich Heusteigaktivist Kellermann besonders: „Eine Aufwertung fürs ganze Viertel.“ 21 Uhr, Hauptstätterstraße: Völlige Ratlosigkeit angesichts der Fülle an Möglichkeiten. Zum Cocktail-Absacker ins Ciba Mato? Oder Theaterspannung und Dramatik in der Krimifabrik? Zu Claudia Kiebele ins heimelige Vetter zum schwäbisch-internationalen Essen? Ganz edel ins Délice? Erst mal ins Café Stella tigern, den über 20 Jahre alten Szenestern. Vielleicht spielt ja eine Band, etwa die Cleanin’Women von Udo Schöbel, die hier schon legendäre Partys beschallten. Oder Ballettstar und Stammgast Eric Gauthier, der mit seiner Gitarre und seiner Indie-Combo mal wieder das Haus rockt …