STUTTGARTS CITYOASE UM DEN HANS-IM-GLÜCK-BRUNNEN

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Direkt am Hans-im- Glück-Brunnen fühlt es sich für die hiesige Stadtpflanze ein wenig wie im Auge des Orkans an: Nur wenige Meter entfernt brettern Autokolonnen über die Hauptstätter Straße und schieben sich Menschenmassen zäh über die Königstraße. Mitten in diesem Trubel liegt Stuttgarts hübscheste Cityoase, bei der die Uhren zwar ein wenig langsamer zu gehen scheinen, die aber alles andere als verschlafen daherkommt. In dem kleinen, quirligen Viertel treffen gemütliche Cafés und Kneipen auf angesagte Szenelocations, gediegene Restaurants auf kultige Imbisse, und liebevolle bis schicke Geschäfte für jeden Haushalt auf einzigartige Modeboutiquen. Darüber schwebt nicht nur im Sommer ein unbeschwertes Gefühl von Urlaub, wenn die Cafés rund um den Brunnen bei Sonnenschein ihre Terrassen mit unzähligen Stühlen bestücken. Einer, der sich in diesem Viertel bestens auskennt, ist Konrad Krammer. 1995 zog er in eine Wohnung in der Steinstraße und eröffnete im Erdgeschoss des Hauses den Vegi Voodoo King, der dank seines konsequent guten, vegetarischen Angebots aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken ist. Fünf Jahre später erweiterte er sein Gastrospektrum, als er im ersten Stock eine gleichnamige Bar mit intimer Atmosphäre startete. Im vergangenen Monat schließlich feierte er das Opening seiner neuen Kneipenclubbar Transit / Bergamo. Er scheint sich in seinem Block sichtlich wohlzufühlen. „Obwohl, nachts ist es ein bisschen laut“, lacht Krammer. „Als ich in dieses Viertel zog, befand sich das Areal rund um den Hans-im-Glück- Brunnen noch ein wenig im Dornröschenschlaf“, erinnert er sich, und fügt hinzu: „Mittlerweile wird hier aber auf einer sehr kleinen Fläche unheimlich viel geboten.“ Das ist wahr, doch schon vor Jahrzehnten war vor allem das berühmt-berüchtigte Café Weiß eine Anlaufstelle für Jung und Alt.

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Das unverwechselbare Kneipenflair wurde über die Jahre beibehalten, und so trifft sich dort heute ein bunter Querschnitt Stuttgarter Einwohner, der es sich bei einem ehrlichen Glas Bier,Gratis-Knabbereien, Schokospenden für die Damen von Kellner Ranko, Oldies aus der Jukebox und Geschichten aus der Vergangenheit von Inhaber Heinz Weiß gut gehen lässt. Tagsüber laden die zahlreichen Cafés und Restaurants zum Genießen und Verweilen ein, während das üppige Shoppingangebot zum Flanieren verleitet. Ob Mode wie im Blutsgeschwister-Shop, Schuhe bei Vanity und Sigrun Woehr, stilvolle Möbel und ausgefallene Einrichtungs-Accessoires bei Dom oder Bücher bei Lindemanns – hier gibt’s schlicht alles, was das Leben versüßt, abseits von Franchise-Ketten und 08/15, sondern mit individuellem Charakter.Mindestens ebenso außergewöhnlich wie die Geschäfte ist hier das Nachtleben – spätestens nach der Eröffnung des legendären Club Hi 1999, das mit rot-puffiger Striplokal-Atmosphäre und gutem DJ-Programm schnell zum Hotspot wurde, entwickelte sich das Viertel zu einem angesagten Szenetreff. Seitdem mutiert der Stadtfleck, sobald die Sonne hinter dem Horizont versunken ist, zu einem pulsierenden Mekka für Nachtschwärmer. Das Hi gibt es nicht mehr, doch angesichts der vielen Locations wie Corso, Mata Hari, Kap Tormentoso und Schocken, ist das zu verschmerzen. Der Gül Kebap, die bekannteste Dönerbude in dieser Ecke, trägt dafür Sorge, dass keine Nachteule vom Fleisch fällt. Hier herrscht auch noch nach Mitternacht Hochbetrieb, erst um 6 Uhr in der Frühe hören die Fleischspieße auf, ihre stummen Runden im Grill zu drehen. Bei dieser Attraktivität des Viertels kann Konrad Krammer im Hinblick auf die nächtlichen Ruhestörungen auch ein Auge zudrücken, denn für ihn steht fest: „Ich könnte mir nicht vorstellen, in absehbarer Zeit von hier weg zu ziehen.“ Rätselhaft bleibt für ihn jedoch, warum gerade dieses Brunnenmotiv im Herzen Stuttgarts verwirklicht wurde: „In diesem Märchen geht es ja darum, dass Hans alle hart erarbeiteten Besitztümer abgibt und glücklich wird – und das beißt sich doch gehörig mit den schwäbischen Tugenden…“
Jan Votteler