Trotz aller baulichen Verzögerungen soll der Rückumzug des Staatstheaters am 17.2. mit der Premiere Ihres „Don Karlos“ gefeiert werden. Ein haltbarer Plan?
Ja, das ist unser Ziel. Das wollen und müssen wir für unser Publikum schaffen. Wir beziehen allerdings zunächst ein Provisorium. Das heißt, der Zuschauerraum ist nicht so fertig zu stellen, wie es sich alle gewünscht haben. Foyer und Bühne dagegen sollen vollständig abgeschlossen und einsatzfähig sein. Es wird überdies noch keine endgültige Bestuhlung geben und es sind gravierende Rückbauten im Deckenbereich des Zuschauerraums nötig. Dafür haben unser Abschluss in der Türlenstraße oder auch unser Rückumzug ins Haus sehr gut geklappt. Und darüber freue ich mich uneingeschränkt.

Während der Renovierung war das Schauspiel in der Türlenstraße zuhause. Wie haben Sie die eineinhalb Jahre in der Interimsspielstätte erlebt?
Die Türlenstraße war rundherum ein Glücksfall, auch wenn die Bedingungen speziell gewesen sind. Schließlich sind dort fast 30 Inszenierungen entstanden, die auf keiner „normalen“ Bühne denkbar gewesen wären.

Auf einer „normalen“ Bühne melden Sie sich nun mit einem Schiller-Klassiker zurück. Was erwartet uns in Ihrer Inszenierung?
Schillers „Don Karlos“ gehört zum klassischen Stückekanon. Es geht mir darum, diesen Komplex um Freiheit, Freundschaft und Politik zugänglich zu machen, so dass er seine heutige Relevanz entfaltet.

Hatten Sie bei dieser „heutigen Relevanz“ auch die politische Situation in Stuttgart im Blick?
Karlos als Person ist ein Sonderfall. Er stört das System, weil er emotional und kompromisslos agiert. Das passt auch heute in keinen Rahmen, deshalb muss das Stück nicht vordergründig angepasst werden. Am Ende wird Karlos vom eigenen Vater zur Exekution frei gegeben. Diese drastische Lösung verstört und rüttelt uns hoffentlich in unserem Verständnis von Freiheit und Individualität auf.

Finden auch Sie sich in Ihrer Rolle als Intendant ein klein wenig in dieser Rolle wieder?
Als Intendant braucht man eine kämpferische Energie, sonst ist wenig zu bewegen. Kunst muss sich kritisch mit den bestehenden Verhältnissen auseinandersetzen. Im Theater gilt das auf besondere Weise, weil jede Inszenierung in einen speziellen Zusammenhang mit dem Zeitgeschehen zu bringen ist. Das ist meine Haltung und die habe ich immer vertreten.

Sie müssen Theater natürlich auch für Ihre Besucher machen. Was gefällt Ihnen besonders an der Stuttgarter Theaterlandschaft und ihren Besuchern?
Die Neugier, die Treue und die Kritikfähigkeit. Das Theater lebt mit dem Publikum. In Stuttgart lebt das Publikum auch ein Stück mit dem Theater.

Und wie lautet Ihr privates Fazit nach zehn Jahren in Stuttgart?
Es waren zehn gute Jahre. Ich habe in Stuttgart geheiratet und wir haben zwei Kinder bekommen.

Mit Ende der Spielzeit 2012/13 werden sie als Intendant zurücktreten. Welchen Ort oder welches Restaurant werden Sie vermissen?
Mit Sicherheit das Ristorante La Piazza.

Das Gespräch führte Björn Springorum