Schweiß. Klebriger, zäher Schweiß überall. Auf der Bühne reckt ein übel tätowierter Hüne mit zorniger Fratze den Mittelfinger. Ein Typ mit grotesker Monstergummimaske wedelt hinter seinem Computer mit den Armen zu verschrobenen Rap-Rave-Klängen. Ein Vokuhila-Mädchen mit Goldgebiss schüttelt ihren Knackarsch. Und das Publikum rastet völlig, aber so völlig aus. Alle sind sie da: Szene-Hippster, Fotografen, Journalisten, Leute aus der Musikbranche. In der ersten Reihe steht Buddy, früher der Dicke bei Deichkind, und filmt mit
seiner Digitalkamera das Spektakel. So etwas hat auch er noch nicht gesehen.

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Vor 50 Jahren hatten die Beatles im Hamburger Indra ihren ersten Auftritt. Heute toben hier Die Antwoord aus Südafrika bei ihrem ersten, restlos ausverkauften Deutschlandgig. Provokant. Lustig. Verstörend. Heftig. „Krank“, sagen einige im Publikum – nett gemeint.

Ob das Kunst ist, der pure Wahnsinn oder ein imposant inszenierter Scherz? Das lässt sich nicht mehr voneinander trennen. Doch fangen wir von vorne an.

Die Sensation
Die Antwoord sind ein Trio bestehend aus Ninja, Yo-Landi und DJ Hi-Tek. Auf den ersten Blick erinnern die drei Südafrikaner an R.I.P. Uli, Hape Kerkelings finnische Ganstarap-Ulkband, die 1999 die Viva-Moderatorin Milka aufs Glatteis führte. Doch Die Antwoord sind mehr als nur ein 5-Minuten-Scherz. Sie sind ein Phänomen. So spannend wie lange keines mehr. Ihre skurrilen Youtube-Videos seit Anfang des Jahres millionfach geklickt. Nun haben sie einen Plattenvertrag bekommen. Im Herbst soll ihr Album „$O$“ erscheinen. Doch was steckt dahinter?

Die Antwoord haben sich nicht nur einfach Künstlernamen zugelegt, sondern eigene Identitäten mit zweifelhaften Biografien erschaffen. Dabei haben sie sich um die Fünkchen Wahrheit ein Feuerwerk an unsinnigen Fakten angedichtet.

Ein Beispiel: Auf Ihrer Homepage verkünden sie, dass Ninja und Yo-Landi ein gemeinsames Kind haben. Ein Versehen. Trotzdem sind sie nur gute Freunde. Irgendwann ging ihnen das Geld für Windeln aus, sodass sie gezwungen waren, Plüschtiere mit magischen Fähigkeiten herzustellen und zu verkaufen. Ähm, genau.

Um seine zahlreichen Tätowierungen zur Schau zu stellen, tritt Ninja gerne im Kickboxer-Look nur in Shorts auf. Das Gerücht, die Tattoos seien nicht echt, hält sich hartnäckig. Ninja behauptet, er habe viele davon selbst gestochen – was zumindest den ausgefransten Knast-Charme der kleinen Kunstwerke erklären würde. So steht auf seinem Hals zum Beispiel der Schriftzug „Pretty Wise“, seinen Rücken ziert der Albumtitel „$O$“, zusammengesetzt aus Schlangen, Ninjaschwertern und dem Ying-und-Yang-Zeichen, auf seinem linken Unterarm steht „If you don’t like funerals don’t kick sand in a ninja’s face“ und auf dem Bizeps wuchtet ein kleiner junge freudestrahlend seinen Riesenpenis in die Höhe. Geschmackssache.

In Interviews redet Ninja immer wieder vom „PC Computer“, mit dem DJ Hi-Tek seine Beats macht, oder dem „Interweb“. Die absichtlich falsch verwendeten Ausdrücke erinnern an die Comedy-Charktere von Sasha Baron Cohen: Borat, Ali G und Brüno.

Auch an Ideen in Bezug auf die Vermarktung ihrer Platte mangelt es Ninja nicht: Jedem Album soll ein Die-Antwoord-Ninja-Stirnband als Goodie beiliegen. Jedes 1000. Album soll ein goldenes Ticket beinhalten, das man gegen ein halbnacktes Bild von Yo-Landi einlösen kann. Ja, sicher.

Lesen Sie mehr über den Musikstil und die künstlerischen Einflüsse von Die Antwoord auf der nächsten Seite.


Die Musik
Nicht nur optisch wirkt Ninja wie eine Kreuzung aus Vanilla Ice und Scooters H.P. Baxxter. Die Musik von Die Antwoord ist eine krude Mischung aus Gangstarap und Eurodance, die abwechselnd nach Tuning-Messe und Kunststudenten-Projekt klingt: dicke Bässe, dreckige Raps, Micky-Maus-Gesang. Eine Band wie ein Mixtape mit Scooter, Deichkind, Vanilla Ice, Mark ‚Oh und MC Hammer. Man kann es lieben, man kann es hassen. Aber es lässt einen auf keinen Fall kalt.

Ihre derben, überspitzten Texte rappen sie in einer Mischung aus Englisch und Afrikaans, einer der Amtssprachen Südafrikas, die sich aus dem Holländischen entwickelte. Sie verwenden den so genannten Zef-Slang, einen fäkalsprachlich gefärbten Proleten-Dialekt – der irgendwie schon wieder niedlich klingt. „Penis“ beispielsweise heißt „Boesman“ und Vagina „Broeksnoek“. In ihren Liedern thematisieren sie Armut, Verbrechen, Drogen uns Sex.

Die Kunst
Das Artwork spielt eine große Rolle bei Die Antwoord. Ninja selbst hat ihre Baggy-Bühnenanzüge entworfen, die entfernt an Werke von Keith Haring erinnern. Er sagt, es sei eine Kombination aus Zeichnungen von Kindern, Kriminellen und Geisteskranken.
Dazu inspiriert hat ihn die Arbeit des renommierten Fotografen Roger Ballen.

In ihrem Video zu „Enter The Ninja“ tritt der südafrikanische Künstler Leon Botha auf. Er ist mit 25 Jahren einer der ältesten Menschen, die an Progerie leiden. Einer Krankheit, die zu vorzeitiger Vergreisung führt. Bevor sie bei ihren Konzerten auf die Bühne gehen, lassen sie Bothas Gesicht als Projektion minutenlang von einer Leinwand ins Publikum starren.

Die Wahrheit
Watkin Tudor Jones ist ein Chamäleon. Bereits mehrmals änderte er seinen Künstlernamen und seine Identität. In der südafrikanischen HipHop-Szene ist er kein Unbekannter. Doch erst als Ninja bekam er internationale Aufmerksamkeit. Nun möchte er nicht mehr über die alten Projekte reden, und nur noch als Ninja angesprochen werden. Er ist der Kopf hinter der ausgeklügelten Inszenierung, die so viel Raum für Interpretationen lässt.

Fest steht: Hier sind keine Diletantten am Werk. Wer sich so viel Mühe gibt, ein multimediales Satire-Kunstwerk zu erschaffen, das den Leuten Spaß macht, sie ins Grübeln und zum Nachdenken bringt, hat größten Respekt verdient.

Wer Lust hat, sich von diesem Wahnsinn ein eigenes Bild zu machen: Am 19.8. treten Die Antwoord im Münchener Crux auf, am 20.8. im Berliner Magnet.

Text: Sascha König