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Das Kulturzentrum der etwas anderen Art

Nicht nur das Stadtarchiv bewahrt die Historie Magdeburgs auf. Es gibt ja auch noch Nadja Gröschner. Die Kulturwissenschaftlerin ist Chefin der Sudenburger „Feuerwache“ – und das lebende Gedächtnis der Alltagskultur der Elbestadt. Man kann sie befragen, welche Revue im „Kristallpalast“ im Mai 1952 auf dem Programm stand oder auf welchem Friedhof der Industrielle Gruson beerdigt wurde – Nadja Gröschner weiß alles.
Sie ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Ihr Hirn hat enorme Speicherkapazität für alle Fakten über die Elbestadt. Sie kann sehen, was andere nicht erblicken – eben weil sie speziell in der Alltagsgeschichte zu Hause ist. Zu ihr spricht das Straßenpflaster ebenso wie die Architektur. Sie ist eine Faktenfinderin und Aufbewahrerin.
Angefangen hat es vor einem Dutzend Jahren: Nadja Gröschner sollte die Historie des Volksbades in Buckau erkunden. Von der Grundsteinlegung in der Feldstraße bis zum soziokulturellen Zentrum der 1990er Jahre. Das war spannend. Und Nadja Gröschner legte nach: Welche Flussbadeanstalten gab es vor hundert Jahren? Wo legten die Dampfer an, wohin radelten die Menschen ins Grüne? Es war wie beim Dominospiel oder beim Puzzle. Ein Steinchen fügte sich zum anderen. Die Varietés und Theater, die Friedhöfe, die Vorder- und Hinterhöfe, die Historie des legendären Modehauses Bormann, ganze Stadtviertel wie Sudenburg oder der Werder rückten in ihren Blick.
Nadja Gröschner teilt, was sie weiß, gibt sie gern weiter. Sie wollte ihr Magdeburg-Wissen nicht für sich behalten, was wäre das auch gewesen? Doch nur die halbe Freude! So lud sie vor gut einem Jahrzehnt zum „Erzählcafé“ ein. Das Echo war überwältigend! Wer kam und ihr zuhörte, konnte zumeist aus eigenem Erleben das Gehörte ergänzen und vertiefen. Dinge, die niemals aufgeschrieben wurden, wurden dem Vergessen entrissen. Doch wie die Momentaufnahmen fixieren? So begann Nadja Gröschner Bücher zu schreiben. Es wurden regionale Bestseller. Mittlerweile steuert ihr „Erzählcafé“ nach zwölf Jahren auf die stolze Zahl von 144 Veranstaltungen zu.
In Sudenburg ging sie auch auf ihre erste Stadtteilführung. Mit Handwagen und Proviant für die Teilnehmer, stilecht in historischer Bekleidung. Neueste Idee: die „Winterwaldführung“ zwischen Weihnachten und Silvester durch den Herrenkrugpark. Mit Bratäpfeln, Glühwein und Fackeln. Der 29. Dezember war ratzfatz ausgebucht; so musste ein Zusatztermin am 28. Dezember her.
Und irgendwann muss die „Feuerwache“-Chefin „auch arbeiten“! Die Geschichte des Kulturzentrums ist freilich schon wieder ein Stück Magdeburger Alltagskultur für sich. Seit 1997 lenkt Nadja Gröschner die „Feuerwache“-Geschicke. Zunächst ehrenamtlich, wie vordem schon im „exlibris“ und als ABM im soziokulturellen Zentrum „Abriss“ am Hasselbachplatz. Das musste schließen, das Haus stand zur Sanierung. „Da hat sich der Magistrat wirklich Gedanken gemacht“, sagt sie und erinnert an den Einsatz des damaligen Stadtrats Löhr, der die leer stehende Sudenburger Wache ins Gespräch brachte. 1997 war das Jahr der zwei Freudenbotschaften: Das Kulturrefugium gerettet, und Nadja Gröschner erwartete ihren Sohn.
Nadja Gröschner arbeitet hart: Arbeitsbeginn morgens um acht Uhr. „Dann ist das Haus noch still. Bis zehn Uhr sitze ich an den Abrechnungen und der Organisation. Danach klingelt ja pausenlos das Telefon!“ 95 Prozent der Karten werden im Vorverkauf geordert; das ist gut, weil es Sicherheiten schafft, ob sich eine Veranstaltung auch wirklich verkauft; Flops kann sich das Kulturzentrum auf keinen Fall leisten. „Ab 15 Uhr sind die Veranstaltungen vorzubereiten, die Künstler trudeln ein, müssen aufbauen, brauchen Rat und Unterstützung, erwarten von uns auch ein kleines Catering. Dafür sind wir ja auch da!“, sagt sie. Die Künstler registrieren diese Aufmerksamkeiten – sie sind nicht überall alltäglich. 2006 brachte es die „Feuerwache“ auf 360 Veranstaltungen. Vor Mitternacht ist selten „Feierabend“.


Fotos: Stefan Deutsch

Das Haus am Ambrosiusplatz ist ein vielseitiger Treff. Kunstzirkel und Arbeitsgemeinschaften, Unicef und die Galerie Süd haben hier ihre Heimstatt, das Cafe Hirsch, der große Saal und der Hof bieten viele Auftrittsmöglichkeiten für Kabarettisten und Bands, Chansoniers und Theatertruppen. Deutschlandweite Stars geben sich mit Magdeburger Größen die Klinke in die Hand. Einer der schönsten Vorzüge des Hauses: Hier wird ohne jedes Wenn und Aber Toleranz gelebt. Das liegt nicht unwesentlich an Nadja Gröschner. Wie die Chefin, so das Klima. Aber eigentlich ist es ja selbstverständlich: Wie die Alltags-Kultur, der sie sich verschrieben hat.

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