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Der „Tausendsasha“ – erst Pop-Sänger, dann Rockabilly-Star und jetzt Buch-Autor

„If you believe“ war sein größter Hit. Erschienen 1998. Seither hat Sasha sich gefühlte tausend Mal neu erfunden, als Dick Brave die Bühne des traditionsreichsten Rock-Festivals in Deutschland zum Beben gebracht, dann erstmals ein Album in deutscher Sprache aufgenommen, ist Papa geworden – und jetzt?

Jetzt gibt es eine Autobiografie von dem sympathischen Sänger, für den ein Großteil der Redaktion in den 90ern geschwärmt hat (*hüstel*). Und natürlich trägt diese Biografie den Namen des Songs, mit dem alles angefangen hat: „If you believe.“ Wir haben Sasha kurz nach seinem 50. Geburtstag zum Zoom-Call getroffen und hatten eine super Zeit. Lest selbst!

Sasha, wie geht es dir denn heute, bist du fit?

Joa. Ganz ok. Ich hatte gestern Abend hier in Hamburg in einer Buchhandlung Buchpremiere. Das ging dann aus Versehen doch ein bisschen länger, als gedacht. Wirklich ein seltsames und besonderes Gefühl, in einer Buchhandlung zu spielen. Wir haben da ein richtiges kleines Konzert gegeben.

Da wären wir ja auch schon beim Thema! Denn dein neues Buch, deine Musik und vor allem die für dieses Jahr geplante Tour – das hängt alles eng zusammen. Du wirst singen, aber auch aus deinem Leben erzählen. Wann geht es los?

Im April sind wir in Dortmund und proben für die Tour, im Oktober geht es los. Richtig, ich werde nicht nur singen, sondern auch aus meinem Leben erzählen. Es wird eine richtige Show, kein normales Sasha-Konzert. Das Konzept dafür war auch schon vor dem Buch da. Das hat sich so ein bisschen gegenseitig aufgebaut und inspiriert. Als ich die Show geplant habe, dachte ich, da ist auch viel Stoff für ein Buch dabei. Ich erzähle mein Leben chronologisch und belege alles anhand von Musik. Es gibt Tänzerinnen und Tänzer, eine Band und eine riesige Show-Treppe, alles auf Entertainment ausgerichtet. Auf die Idee kam ich bei meinen Konzerten. Die Geschichten, die ich da zwischen den Songs erzählt habe, wurden immer länger und länger. Da habe ich gemerkt, dass mir das Spaß macht und ich es ausbauen möchte.

Hat die Idee auch mit deinem runden Geburtstag zu tun, den du am 5. Januar gefeiert hast?

Definitiv. Ohne den hätte ich das glaube ich noch nicht gemacht. Wäre mir die Idee noch nicht gekommen, hätte ich wahrscheinlich bis zum 60sten gewartet. Aber das hat sich dann alles so zusammengefügt. Ich finde es toll, dass alles in diesem Jahr passiert. Der Geburtstag, das Buch, die Show, das „Las Vegas“-Album  – so nenne ich es bisher passend zum Show-Konzept der Tour – da kann ich ein ganzes Jahr lang Geburtstag feiern.

Das klingt, als kämst du mit dem runden Geburtstag ganz gut zurecht. Wie war es für dich, 50 zu werden?

Ich habe das gar nicht so sehr wahrgenommen. Wir haben darauf hingearbeitet, dass bis zu meinem 50sten alles fertig ist und dementsprechend gab es viel zu tun. Aber es ist eine große Zahl, diese 50 … Trotzdem. Ich habe meine Midlife-Crisis mit 30 abgearbeitet. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich älter werden super finde. Das ist gar nicht super in vielen Punkten. In vielen Punkten ist es aber auch ok. Könnte ich wählen, wäre ich bei 37 stehengeblieben.

Und wie hast du den besonderen Tag gefeiert?

Wir haben coronabedingt zwei kleine Feiern gemacht. Aber das war schön, weil ich dann eine ganze Woche Geburtstag hatte. Am Tag direkt mit der Familie bei uns zu Hause und am Wochenende mit Freunden. Genau so, wie es war, fand ich es gut.

Du hast deine Biografie nach deinem ersten großen Hit benannt – „If you believe“.  Das fiel dir schwer, denn der Song hat dich eine Zeit lang mächtig genervt …

Das kann man so sagen. Am Anfang wollte ich den Song auch gar nicht machen. Ich dachte, dass er überhaupt nicht zu mir passt. Ich wollte Soul machen. Ein bisschen Reggea. Ich habe den Produzenten gesagt, dass sie das vergessen können. Dann haben die mich so bekniet, dass ich nachgegeben habe. Mit den Worten: Der wird aber nie so mit mir auf einer Platte erscheinen. Während ich den Song dann eingesungen habe, fiel mir auf, dass er hängenbleibt und eigentlich ganz gut ist. Der fräst sich so von hinten in den Kopf. Ich habe ihn mit nach Hause genommen und immer wieder gesungen. Dann haben wir ihn noch einmal richtig aufgenommen. Er wurde zur international erfolgreichsten Nummer, die ich bisher gemacht habe.

Und dann hast du ihn gesungen – wieder und wieder und wieder …

Ja. Nach vier, fünf Jahren dachte ich: Boah ey, es reicht. Ich habe den in jedem Land gesungen – und dann auch noch zeitversetzt. Der Song war in Deutschland monatelang vorn in den Charts. Immer zwischen Platz 3 und Platz 5. Dann ging es weiter nach Italien, nach Portugal, Schweden … Ich habe diesen Song jahrelang jeden Tag gefühlt fünf bis zehn Mal gesungen. Es ist doch klar, dass man irgendwann sagt: Es reicht mir jetzt! Ich habe ihn dann ruhen lassen und auf den Touren in anderen Versionen gespielt, damit er nicht langweilig wird. Als es dann an das Buch ging, war es irgendwie klar. Ich wollte es nicht. Aber nach mehreren anderen Vorschlägen kamen wir immer wieder darauf zurück. If you believe. Ist auf einem Buch-Cover auch eine schöne Message: Wenn du daran glaubst, kannst du es schaffen.

Das passt auch wunderbar zu deiner Geschichte. Du hast dich durchkämpfen müssen und es letzten Endes geschafft. Gab es Momente, in denen es dir schwerfiel, an dich zu glauben?

Es gab immer wieder Rückschläge. Als ich mit meiner Band „Junkfood“ Dortmund und Umgebung unsicher gemacht habe, waren wir überzeugt davon, dass wir groß rauskommen würden. Wir haben Demos gemacht, an Wettbewerben teilgenommen und, und, und. Aber es ist nie etwas daraus geworden. Wir haben uns aufgelöst und ich wusste erst nicht, ob ich mich allein aufraffen kann. Da habe ich gezweifelt, mit Mitte 20. Ich hatte immer mal Jobs und dann mal wieder einen Plattenvertrag, habe viel ausprobiert. Immer wieder hatte ich Hoffnung, dass es dieses Mal klappt. Aber es hat nie wirklich geklappt. Irgendwann dachte ich: Jetzt wirst du Lehrer. Zwei, drei Monate ging das – aber dann kam die Geschichte mit Young Deenay.

Als Background-Sänger der deutschen Rapperin wurdest du auf einmal sehr bekannt …

Ja. Da baute sich etwas auf, das ich gar nicht richtig glauben konnte. Etwas, bei dem ich eigentlich gar kein Teil davon sein wollte. Aber ich habe es gemacht, weil ich die Kohle gebraucht habe und weil ich dachte, dass das vielleicht mein Weg in die Musikindustrie sein könnte. Genau so war es dann auch. Ich bin sehr froh, dass alles so gekommen ist. Wenn auch über Umwege. Damals war das ja noch nicht so einfach, wie heute mit YouTube und TikTok.

Welchen Tipp würdest du jungen Musikern von heute geben?

Es gibt da einen Trugschluss – ich möchte jungen Musikern gern abraten, den zu glauben: Internet-Stars bekommen im Normalfall nicht alles aus Versehen und aus der Hüfte geschossen hin. Internet-Stars sind erfolgreich, weil sie fleißig sind. Weil sie viel für ihren Erfolg tun und weil sie Durchhaltevermögen haben. Einige junge Menschen denken – und da mache ich ihnen keinen Vorwurf – dass es so einfach geht. Das wird ja auch so suggeriert. Computer anmachen und mal eben ein paar lustige Sachen raushauen. Aber das ist nicht der Fall. Man muss fleißig sein und sich genau überlegen, wer man ist und was man kann. Viele geben auch viel zu schnell auf. Darum halte es für sehr wichtig, dass man schon in jungen Jahren reflektiert. Was will ich und auch was will ich nicht? Denn wenn man weiß, was man nicht will, kann man das schon aussortieren.

Du hast als Juror bei „The Voice Kids“ viele Erfahrungen sammeln können …

Die Kinder kommen da an und können schon singen. Da musste ich ihnen nicht viel beibringen. Ich habe ihnen eher den Weg gezeigt. Ihnen gezeigt, wo sie sind. Viele kommen da direkt aus ihren Familien und haben zuvor nur das Urteil ihrer stolzen Eltern gehört. Ich verstehe das ja auch! Mein Sohn ist jetzt drei, der hämmert total geil auf dem Schlagzeug herum. Aber nicht so, dass ich sage: Der ist ein Wunderkind! Er muss natürlich noch viel lernen, um wirklich stark spielen zu können. Trotzdem bin ich stolz. Wenn du also nur deine Eltern als Kritiker hast, ist es gar nicht so leicht, wenn zum ersten Mal einer sagt: Das ist gut, aber du kannst in dem Bereich noch besser werden. Damit muss man erst einmal klarkommen. Aber das ist wichtig, dass man sich der Kritik stellt und da offen ist.  Und wichtig ist auch, dass nie böse kritisiert wird. Man kann ja auch motivierend kritisieren. Das ist die bessere Variante. Es ist eigentlich sogar wunderschön, Menschen zu sagen, wo sie noch besser werden können. Als ich die ersten Male ins Studio ging und einen Ton versemmelt habe, hieß es noch, das ist scheiße. Das war die harte Schule (lacht).

Du hast den Kids viel beigebracht – hast du auch etwas von ihnen gelernt?

Die Mädchen und Jungs die da mitmachen, sind extremst mutig. So unbedarft. Da kann man auch als älterer Herr etwas mitnehmen. Das holt einen wieder zurück in die eigene Jugend. Wie man damals gedacht hat, passiert es heute nicht, passiert es morgen. Viele kommen da ja aus Dörfern, stehen da auf der Bühne und brettern ab … das ist WOW. Verdammt mutig und inspirierend! Ich weiß nicht, ob ich mich das in dem Alter getraut hätte …

Aber den Wunsch, auf der Bühne zu stehen, hattest du auch schon früh. War er dir in die Wiege gelegt?

Bei uns wurde immer viel Musik gemacht. Meine Familie mütterlicherseits war eine Schausteller-Familie. Da war Entertainment natürlich immer ganz groß. Die haben gern getanzt und gesungen und gefeiert. Es ging sehr fröhlich zu. Viel Artistik, sich bewegen können. Die Schaustellerkinder und meine Onkels. Reiten, Flickflacks, Salto. Dazu singen und entertainen. Man musste alles ein bisschen können, da habe ich diesen Part her. Das waren einfach Tausendsassa. Deswegen nenne ich mich heute auch gerne „Tausendsasha“ (lacht). Auch die Familie väterlicherseits war musikalisch. Mein Opa starb früh, als ich vier oder fünf war. Aber ich erinnere mich, dass er an der Wohnzimmerwand mindestens zehn Akkordeons hängen hatte. Er war ein versierter Spieler und habe es aufgegeben, weil er Wirt geworden ist, sagte man damals. Ich habe ihn leider nie gehört. Er hatte auch eine Orgel, auf der ich als Dreijähriger geklimpert habe.  So haben sich die Gene dann ganz gut vermengt bei mir.

Tausendsasha – das trifft es gut. Du erfindest dich immer wieder neu. Hast du in der Richtung noch etwas geplant?

So etwas plane ich nicht das kommt mir einfach über den Weg. Spätestens seit Dick Brave (Anm. d. Red.: Sashas Alter-Ego, das mit Band als „Dick Brave & The Backbeats“ große Erfolge feierte) weiß ich, dass solche Dinge einen finden und manchmal abseits der Wege auf einen warten. Da möchte ich mich wirklich nicht festlegen. Das Wichtigste ist jetzt erstmal die neue Show und das Las Vegas-Album. Letzteres wird sich übrigens auch deutlich von den üblichen Sasha-Alben unterscheiden. Es bekommt ein völlig neues Gewand, von Swing bis Elvis wird alles dabei sein. Was danach kommt weiß ich noch nicht. Vielleicht kommt Dick Brave noch einmal wieder. Vielleicht mache ich Musik mit einem DJ, das könnte ich mir vorstellen. Und irgendwann mache ich dann Hip-Hop. Ich bin offen für alles.

Bei allen Rollen, in die du schon geschlüpft bist – bei „Masked Singer“ zuletzt in die eines Dinos – ist deine wichtigste seit 2018 die des Vaters …

Ja, das ist eine Aufgabe. Sie ist toll und stellt einen auch immer mal wieder vor große Herausforderungen. Wie mache ich das jetzt? Bin ich da locker, bin ich da streng? Das ist gar nicht so einfach! Ein echter Fulltime-Job. Aber man lässt sich auch unglaublich gerne drauf ein. Locker bleiben ist dabei das Wichtigste. Die Natur hat so viel vorprogrammiert. Am Anfang dachte ich: Oh mein Gott! Und dann lag das kleine Würmchen bei mir auf der Brust und ich wusste sofort, wie es geht. Das macht die Natur. Da kann man sich entspannen.

Mit Entspannung ist aber erst einmal nichts, denn Sasha muss los. Zum Nachbar, den Randkranzstein checken. Herrlich normal mit einer guten Portion Humor und Lebensweisheit. Ja, diese Show könnte unterhaltsam werden. Wir sind gespannt! Vielen Dank, Sasha, für das spannende Interview!

Weitere Infos, aktuelle Tourdaten und Tickets findet ihr hier.

Sashas Biografie „If you believe” ist im Knaur-Verlag erschienen, ISBN-13: 978-3426286067, 22 Euro

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